Die gute alte Backhendlfrage

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 20/2026 vom 13. Mai 2026

Liebe Frau Andrea,
in Wiener Klassiker ist das Schnitzel, vielerorts gepriesen. Jedoch habe ich den früheren Ausdruck „Backhendlfriedhof“ für wohlbeleibte Personen in Erinnerung. Auch ging man seinerzeit zu festlichen Anlässen in den „Wienerwald“ Backhendl essen. Irgendwann hat das Schnitzel das gebackene Huhn überflügelt. Das Backhendl gibt’s jetzt meist nur mehr als Salat. Wie und warum konnte das passieren?
Mit der Bitte um kulinarische Aufklärung,/em>
Siegi Lindenmayr, Wien Alsergrund, per Email

Lieber Siegi,

wir widerstehen dem Versuch, auf die komplizierten Firmengeschichten der verschiedenen Restaurantketten und ihrer Eigentümer einzugehen, die unter dem Markennamen „Wienerwald“ ein kleines Gerichteparadies um paniertes Huhn auf die Speisekarten zauberten. Das ursprüngliche Unternehmen, gegründet von Friedrich (Hendl-) Jahn, war zeitweise die erfolgreichste europäische Restaurantkette.In den späten 1970er Jahren, aus dem auch meine vividen Erinnerungen an Wienerwaldbesuche stammen, betrieb die Wienerwald-Kette weltweit rund 1.600 Restaurants. Allein in Deutschland und Österreich gab es damals etwa 700 Standorte. Heute hält die Stellung ein einziges Wienerwald – in der Annagasse im Ersten.

Das traditionelle Wiener Backhuhn (Bochhendl) wurde in vier Teile zerlegt, als fünftes galt der Kragen samt Kopf. Auch die Innereien wurden mitserviert. Die panierten Teile wurden in Schweine- oder Butterschmalz herausgebacken. Schon im 17. Jahrhundert wird von „bachenen Hühnern“ berichtet. Um 1720 beschreibt das „Saltzburgischen Kochbuch“ das Rezept zu „Hühnlein aus abgeschlagenen Eiern gebacken“. Die berühmte Autorin Katharina Prato beschreibt in ihrem Kochbuch „Die süddeutsche Küche“ gebackene Hühnern oder Tauben, die dem späteren Backhendl schon sehr ähnlich sind. Heute scheiden sich die Geister in der Frage, ob das Backhuhn klassisch mit Haut und Knochen paniert wird, oder, wie viele Köche heute meinen, enthäutet und entbeint, im Salatbett. Letzteres ist veränderten Essgewohnheiten und der Ökonomie geschuldet. Mit dem klassischen fetten „Bochhendl“ ist auch der Ausdruck „Bochhendlfriedhof“ für die feiste Männerwampe verschwunden.

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Reklamescham

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 19/2026 vom 6. Mai 2026

Liebe Frau Andrea,
Sie werden ja oft zur Bedeutung von Ausdrücken gefragt. Ich habe das umgekehrte Problem. Mir fehlt ein Wort für folgendes Phänomen: In der Werbung wird häufig dick aufgetragen. Wenn Schokolade, Bankkonten oder Telefonverträge mit Neugeborenen und tränenaufgelösten Menschen zu schmachtender Musik propagiert werden, löst das bei mir oft mehr emotionale Reaktion aus, als mir lieb ist. Fast kommt mir selbst das Schluchzen! Gleichzeitig stösst mich dieser ungenierte Zugriff auf meinen Gefühlshaushalt ab und wenn es auch noch so reingeht, ekelt mich fast vor mir selbst. Gibt es einen Namen für diese komplexe Gemengelage? Irgendeinen Neologismus, so wie Fremdscham oder Mansplaining, der gefehlt hat, bis ihn dann jemand erfunden hat? Wenn nein, können Sie bitte einen erfinden?
Vielen Dank im Voraus,
Johanna Schober, per Email

Liebe Johanna,

gerne bin ich Ihnen dabei behilflich, die lexikalische Lücke zu schließen. In einem ersten Herangehen wollen wir die zwei von Ihnen reportierten Gefühle von einander trennen – jenes der empathischen Rührung und das der reflektierende Beschämung über diesen Emotionsübergriff. Sodann werden wir den Versuch unternehmen, die beiden miteinander verbundenen Regungen in eine neu komponierte Wörtlichkeit zu fassen.

Einen einzelnen, fest etablierten Begriff für die Gemengelage aus emotionaler Manipulation, parasozialem Mitfühl und kognitiver Abwehr gibt es noch nicht. Also basteln wir an einer kleinen Liste mit möglichen Neuschöpfungen für den Cluster aus Rührungsabwehr, Schmachtwiderwillen und reklamebasierter Mitfühl-Scham. 

Aus der Psychotantenecke könnten kommen: Ambirührung (ein Kofferwort aus Ambivalenz und Rührung) und Manipathie (zusammengebaut aus Manipulation und Empathie). Wissenschaftlich klingen „reaktive Affektambivalenz“, „PR-induzierte Empathiedissonanz“ und „parasoziale Emotionsspaltung“. Etwas salopper traben die Neologismen „Gefühlsabzocke“, „Rührungsnepp“, und „Herzschleim-Overload“. 

Meine Favoriten wären „manipulative Rührscham“, „gegenimpulsiver Marketingekel“, „Heulschauder“ und „Kitschkater“.


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Frühlingsfarben 2026

Vom Herbst sagt man überschwänglich, er sei ein Maler. Das ist eine Zuschreibung, die völlig verkennt, dass der eigentliche Künstler, der Farbenartist unter den Jahreszeiten der Frühling ist. Er ist mit dem eiermalenden Osterhasen im Bunde, den Designern von Radfahrbekleidung und mit der internationalen Schirmkappenindustrie.

Der Färbelgigant Pantone und sein selbsternanntes Farb-Institut kürt seit einem Vierteljahrundert einen Farbton zur Farbe des Jahres. Die Auswahl soll Modefirmen, Influencern und uns, dem Proletariat in der Ästehetikkette als Inspiration dienen. Bestimmt wird die Farbe von einem zehnköpfigen Team anonymer Coloristen aus der Designfuzziszene. In sogenannten „mood boards“, Paletten aus Stofffetzen, Screenshots und ausgerissenen Anzeigen aus Modemagazinen wird eine prognostische Auswahl erstellt, aus der die Farbe des Jahres (und gleich auch auch ihre Bezeichnung) gewählt wird. So kamen die Allerweltsfarben Fuchsia Rose (2001), Aqua Sky (2003), Sand Dollar (2006) in die Welt, Chili Pepper (2007), Tangerine Tango (2012) und Radiant Orchid (2014), Living Coral (2019), Ultimate Grey (2021) und Peach Fuzz (2024), und letztes Jahr: „Mocha Mousse“. Als Jahresfarbe 2026 wurde „Cloud Dancer“ verkündet, ein sanft-luftiges Cremigweiß, von dem uns der Pantone-Sowjet Ruhe, Klarheit, Leichtigkeit und einen Neuanfang verspricht. Der vielseitige Weißton soll in einer lauten Welt beruhigend wirken, und als Basis für Kreativität und emotionale Ausgeglichenheit dienen. Hossa!

Den Haushalten Österreichs ist „Cloud Dancer“ bestens bekannt. Es ist jenes fahle Hochnebelgrau, das weiße Handtücher, Tennissocken und Unterwäsche annehmen, wenn ein schwarzer Socken mitgewaschen wurde.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 2. Mai 2026.

Steif wie ein Bleistift

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 18/2026 vom 29. April 2026

Liebe Frau Andrea,
als angelernter Wiener wende ich mich mit einer alkohollastigen Frage an Sie, die im Spruch „Steif wiar a Bleistift hadsch i durch Neistift“ wurzelt. Warum wird in Wien der Zustand der Berauschung mit so unterschiedlichen Adjektiven wie (blunzn)fett, braad, (bladl)waach, ölig oder eben steif beschrieben? Die Wirkung von C2H6O in den Synapsen ist doch nicht so vielfältig, dass man sich nicht auf ein präziseres Eigenschaftswort einigen könnte, oder doch?
Vielen Dank für Ihre Mühewaltung, und mit lieben Grüßen aus Wien-West,
Hans C. Fux, per Email

Lieber Hans,

für die Vielfalt der chronischen oder akuten Ethanol-Entrückungen hat Wien einen ganzen Katalog von Bezeichnungen etabliert. Für die Ergebnisse der Intoxikationen mit „Äukahoi“ (Alkohol), kurz „Äuk“ genannt, kennt das Wienerische „in Bemsdl“ (den Pinsel), „es Damen“ (das Taumeln), „in Dippe“ oder „Diwe“ (den Dübel), „in Dampas“ („Dampus“, den studentisch latinisierten Dampf), „in Fettsn“ (den Fetzen), „die Fettn“ (den Drall, vom „Effet“ beim Billard), „die Gluad“ (Glut), „in Newe“ (den Nebel). Sodann haben Tschecheranten und Drangler gerne „an Schbids“ (Spitz) und „an Schdich“ (Stich). Rauschate (Berauschte) haben „a Schweigl“ (von Schwelgen), „an Schwibs“ (von schwippen, schwappen), oder sind „im Ö“ (im Öl). Heißer als der „Schwü“ (die Schwüle) ist der „Schwas“ (Schweiß). Er hat sich mit der Metallverbindungstechnik Schweißen zum wienerischen „zuagschwasd“ (zugeschweißt) sein verbunden. Beliebte Zustände sind „augflaschld“ (angeflaschelt), „autschechad“ (angetschechert, verwandt mit angeschickert), „bedopped“ (bedoppelt, betäubt vom Konsum eines Dopplers, einer Doppelliterflasche Wein), sind „betoniert“, „blunznwaach“ (weich wie eine Blunzn, eine Blutwurst), „eidrangld“ (eingetränkt), „eigschbridsd“ (eingespritzt), sind „fett wiara Radierer“ (fett wie ein Radiergummi) oder nur „zuagleschd“ (zugeklescht, vom Klescher, dem Schlag, von jiddisch chaleschen, schwach werden, ohnmächtig werden). „Steif wiara Bleistift“ haben der Wienerlieder-Komponist Ferry Wunsch und die Textdichter Albin Ronnert und Leopold Nowotny eingebracht. Oisdaun, Prost!


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Hinten höher als vorn

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 17/2026 vom 22. April 2026

Liebe Frau Andrea,
als große Freundin diverser Eigenartigkeiten der deutschen Sprache bin ich letztens über eine bayerische Redewendung gestoßen, die mich seitdem begeistert. Wenn ein Bayer sich über etwas aufregt, sagt er „jetzt wird’s aber hint höher wie vorn“. Das macht überhaupt keinen Sinn, dennoch weiß jeder, worum es geht. Gibt es vielleicht eine Erklärung, wo das Sprücherl her kommt?
Alles Liebe,
Anna-Maria Walli, per Email

Liebe Anna-Maria,

die Bayer·innen sind nicht die einzigen, die in Rage Seltsames von sich geben. Wie der Fluch arbeitet das Erstaunen mit vorformulierten Metaphern. Manchmal sind die Redewendungen schon aus der Zeit gefallen. Ihre ursprüngliche Bedeutung wird nicht mehr verstanden. Ein bundesdeutsches Synonym wäre der kalauernde Ausruf „da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt“. Aus Oberösterreich kennen wird den Spruch „da hängds da voi die Kédn aus“ (da hängt es dir voll die [Moped-]Kette aus). Der gesamte deutsche Sprachraum versteht die etwas blutleere Formel „das wär ja noch schöner.“

Bairisch „Iatz werds hint héha wia vúan“ (jetzt wird es hinten höher als vorne!) drückt das Erstaunen über eine absurde, chaotische oder „völlig aus dem Ruder gelaufene“ Situation aus. Die Unverständlichkeit des Spruchs geht einher mit der Tatsache, dass das Gewerbe und die Umstände, denen er entstammt, nahezu völlig verschwunden sind. Und mit ihnen spezifische Ausdrücke und Situationen. Unsere Redewendung bezieht sich auf ein bockendes Pferd, das mit der Hinterhand hochgeht. Das kann den Reiter, in der Regel einen Standesherrn oder Kavalleristen gefährlich nach vorne abwerfen. Öfter dürfte die Gefahr nach hinten ausschlagender Pferde Gespannen zugesetzt haben. Der Ausdruck stammt wohl von Fuhrwerkern und Kutschern. 

Das Wienerische, stets im Zwiespalt zwischen Knapp- und Saftigkeit kennt die Ausrufe „Hawedere“, „Hawediena“ und „Seawasgschäft“. Metapherncharakter haben die Sprüche „do hauds da in Vogl aussa“ (da haut es dir den Vogel raus“, „do ziagds da die Bock aus“ (da zieht es dir die Stiefel aus) und „do hauds di vom Glanda“ (da wirft es dich vom Geländer). Das bewährte „Oida!“ geht natürlich immer.


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Heimat essen

Ein harmloser Witz geht so: „Welches ist des Österreichers Lieblingsgericht?“ Kurze Antwort: „Das Bezirksgericht.“ Die humorbestimmende Semantik des Kalauers offenbar zwei Wahrheiten. Eine bezieht sich auf die Geheimnisse der österreichischen Zunge, sedimentiert in der lateinischen Floskel „de gustibus non est disputandum“, soviel wie „über die Geschmäcker lässt sich nicht streiten“. Der Österreichfall (er tritt immer ein) zieht nach sich, dass Speisekarten in österreichischen Wirtshäusern und Gaststätten stets die Klassiker „Wiener Schnitzel“, „Schweinsbraten mit Knödel“, und „Gulasch“ vorrätig halten, im Selbstverzwergungsfall „Würstel mit Senf“, und den Kaffeehausschlager „Schinken-Käste-Toast“. Lokale mit „Eleganzanspruch prunkten einst mit dem „Toast Hawaii“.

Die andere Obsession der Österreicher (Österreicherinnen sind immer mitgemeint) ergötzt sich im Faible für das Justizielle. Eskalationen im Nachbarschaftlichen, Familienzwist und sonstige Kalamitäten werden gerne vor Gericht ausgetragen. Egal, ob man der Rechtssprechung traut, oder nicht, gehört doch zum Streiten immer nur einer.

Beide Bestandteile des oben angeführten Witzes, der kulinarische wie der rechtliche haben sich auch in die Passivität geflüchtet. Spezifische Kochsendungen, mit oder ohne Heimaterkundung, sowie die Beobachtung von Gerichtsanhängigkeiten sind beliebte Fernsehformate.

Was noch fehlt? Eine Mischkulanz aus beiden – die Kochsendung vor Gericht. Als erstes Thema böte sich das Verbot des bereits erwähnten „Toast Hawaii“ an. Mitsamt anwaltlicher Dispute, Unmut der Gerichtskiebitze und unerwartetem Urteil.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 18. April 2026.

Schnee von gestern

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 16/2026 vom 15. April 2026

Liebe Frau Andrea,
in meinem Arbeitsumfeld wird alles, was nicht mehr ganz taufrisch ist, reflexartig als „aus dem Jahre Schnee“ bezeichnet. Woher kommt diese frostige Zeitangabe? Gab es ein besonders prägendes Schneejahr, das sich sprachlich verewigt hat? Heuer wirkt der Ausdruck fast ein bissl zu aktuell: Kaum glaubt man, der Frühling hat gewonnen, darf man die Winterjacke noch einmal ausführen – bevor ein paar Tage später wieder 20 Grad in Aussicht stehen. Vielleicht erlebt das „Jahr Schnee“ gerade ein kleines Comeback. Ich wäre dankbar für etwas sprachliche Schneeräumung.
Liebe Grüße aus einem Betrieb, in dem nicht nur sprachlich immer wieder Winter einkehrt.
Marlene Edlmayr, 32, Entwicklungschemikerin, per Email

Liebe Marlene,

die besagte Redewendung ist fest in unserem Sprachgebrauch etabliert. Obwohl sie sich auf ein Niederschlagsereignis und sein Liegenbleiben bezieht, verwenden wir sie metaphorisch. Die bundesdeutsch Sprechenden kennen einen synonymen Begriff für Altes, aus der Aktualität Gefallenes, wenn nämlich Dinge und Usancen „alter Tobak“ sind, also alter, vertrockneter Tabak. Davon abgeleitet ist ungeliebt Althergebrachtes „aus dem Jahre Tobak“, oder etwas österreichischer „aus dem Jahre Schnee“.

Tatsächlich dürfte die Redewendung aus einem Gedicht des 1431 in Paris geborenen François Villon stammen, dem bedeutendsten Dichter des französischen Spätmittelalters. Wir finden sie in der Ballade „Des dames du temps jadis“ (Ballade der Frauen von einst), und hier aus dem berühmten Refrain „Mais où sont les neiges d’antan?“ (Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?). In besagtem Gedicht wird wehmütig der Stil des „Ubi-sunt?“-Genres mobilisiert. Die Frage „Ubi sunt“ (Wo sind sie (geblieben), vollständiger „Ubi sunt qui ante nos in mundo fuere?“, Wo sind sie (geblieben), die vor uns auf der Welt waren?), gilt als formelhaft wiederkehrender Topos in Predigten und Dichtungen des Mittelalters. An Beispielen vergangener Macht oder Schönheit wird die Vergänglichkeit alles Irdischen in Erinnerung gerufen, und auf das Jenseits als eigentliche Bestimmung des Menschen verwiesen.

Schnee von gestern also.


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Berufe und Benennungen

Da werde ich gefragt, in Fragebögen und für Kurzbiographien, welchen Beruf ich denn wohl hätte, und die Antwort fällt schwer, weil ich keinen Beruf habe. Ja, aber Sie müssen doch einen haben, kommt es dann, und sogar in mir schallt es leise, als Reflex auf den gesellschaftlichen Bekenntnisdruck. Sagen Sie etwas. Dann sage ich: Ich denke nach.

Dennoch hier eine Liste. So bin ich, in eigener oder fremder Zuschreibung:

Achilla Douglas
Alessia Santandrea
Amanda D’Arreluis
Amelia Natt och Dag
Apollonia Tillbakaseende Ulv
Architekturbewunderin
Art Directrice
Asporina
Atheistin
Ausstatterin
Autorin des Unendlichen Panoramas
Bibliothekarin eines Handapparats
Boireannach Albannach
Buchbinderin
Bühnenbildnerin
Chloé Marie Hamilton
Comandantina beim Bureau für Information Wiederbeschaffung
Cousine
Dardania Lamurés
DJane
Discarded by avoidant
Doktorin der Philosophie
Drehbuchautorin
Empirikerin der Vorzukunft
Essayistin
Feuermacherin
Flâneuse
Forscherin zu Riten in Räumen
Freischaffende Sozialdemokratin
Geliebte
Gitarristin
Greenlighterin
Großsekretärin für Inneres
Heiße Quelle
Hermeneutikerin
Hextilda FitzUchtred Tynedale
Information Wiederbeschafferin
Inkompetenzkompensationskompetente
Instrukteurin
Jachin-und-Boasologikerin
Kolumnistin
Komplizin (gewesen)
Kulturwissenschaftlerin
Lehrende
Liebende
L’infiammata
Magistra Artium
Malerin
Maschinenmaria
Maschinistin
Meisterin vom Stuhl
Miranda Leda Saur
Morgaine Pendragon
Musikerin
Nachdenkerin
New Yorkerin
Österreichkundlerin
Otrovertierte
Papierblumenmacherin
Parisienne
Past Master
Photographin
Plakatdesignerin
Poetin
Pythia
Realisatrice
Regisseurin
Reisende
Rhizomatische Enzyklopädistin
Romanautorin
Sammlerin
Sara Edna Almudir
Satirikerin
Scat Guitarist
Scotswoman
Scheiternde, Scheiternde, besser Scheiternde
Schülerin
Smeraldina D’Uraa
Svensk flicka
Schwester
Sezierkundige
Sporadikerin
Stachelschützin
Super-Recognizerin
Transzendentalbelletristikerin
Universitätslektorin
Verbündete
Viennologin
Wirkungshistorikerin
Wortvulkan
Zeichnerin
Zirkusprinzessin

 

 

 

 

Meister Adebar

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 15/2026 vom 8. April 2026

Liebe Frau Andrea,
mit Interesse lese regelmäßig Ihre Beiträge. Heute hätte ich selbst eine Frage. Worauf lässt sich der hartnäckige Aberglaube zurückführen, dass gerade ein Klapperstorch jeweils unsere menschlichen Nachkommen bei den leiblichen Eltern abliefert?
Liebe Grüße aus Tirol, wo ebendiese Angelegenheit weithin sichtbar mittels 2D-Exemplaren an Balkonen und anderen Fassadenelementen zur Schau gestellt wird.
Günther Rabanser, von meinem iPhone gesendet

Lieber Günther,

die Usance, erfolgten Nachwuchs mit dem Storchensymbol kundzutun, ist nicht auf Tirol beschränkt. Die Gestaltungsoffensive ist in der Regel auf und vor Einfamilienhäusern und Bauernhöfen beobachtbar, sie ähnelt den Hinweisen auf die runden Geburtstage der Bewohner·innen. Bei den Geburtshinweisen handelt es sich immer um den Weißstorch, er wird, silhouettenhaft aus Holz gesägt, stehend dargestellt, seltener im Flug. Oft, wenn auch nicht immer trägt er ein geschnürtes Babybündel im Schnabel, als Hinweis auf das Geburtsgeschlecht in blau oder rosa.

Meister Adebar, wie der Storch auch genannt wird, bezieht seine Nämlichkeit und die mythologische Zuschreibung als Glücksbringer, über das Niederdeutsche kommend, vom germanisch erschlossenen *auda- (heil, Glück) und *ber-a- (tragen, bringen, gebären). Ob Adebar, in anderer Etymologie auch ein Wort für Sumpfgänger ist, läßt sich indes nicht ausreichend sichern. Der Storch gilt seit alterher als heiliges Tier, und wegen seines Zugverhaltens als Bote des Frühlings. Er soll dem Haus, auf dem er nistet, Glück bringen, es vor Blitz und Feuer bewahren. Um dem Storch den Nestbau zu erleichtern, legt(e) man ihm ein Wagenrad aufs Dach.

Der Glaube, daß der Storch die Kinder bringe, ist verhältnismäßig jung. Die mitteleruopäische Mythenforschung schreibt ihm dem Volksglauben zu, nach dem die Kinder aus dem „Brunnen“ kommen. Galt doch das Wasser nach altem Volksglauben als Symbol und Ursprung für den Beginn neuen Lebens. Die Menschen glaubten, dass im Wasser die Seelen der Kinder wohnten. Das Fröschlein, das der Storch aus dem Sumpf zieht, ist demnach der Avatar des Neugeborenen.


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Ostern

Ostern ist das das höchste christliche Fest. Dabei wird der Frohbotschaft von der Auferstehung Jesu Christi, des Gottesohnes gedacht, nach biblischem Bericht am dritten Tage nach dem Kreuzestod. Ostern wird am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond begangen, lateinisch heißt der Feiertag Dominica paschæ in resurrectione Domini, frühestens schreibt er sich am 22. März in den Kalender, und spätestens am 25. April, diesmal am 5. April. Der Ostersonntag ist der ranghöchste Feiertag im Kirchenjahr, auch für Areligiöse kann er Symbol dafür dienen, wie nahe die Katastrophe und eine erlösende gute Nachricht liegen.

Weithin außerhalb des religiösen Kontextes, aber in intensiver Österreichischkeit herrscht der Brauch, Kindern kleine Geschenke zu verstecken. Als Urheber wird dabei der Osterhase genannt. Ein freundlicher Gesell, fleißig, was seine Produkte betrifft: Bunte Eier, eigenhändig bemalt, in Nester gelegt und im Frühlingsgarten verteilt. Was seine Unsichtbarkeit betrifft, ist man versucht, an den Hasen „Harvey“ zu denken, den 2,10 Meter großen immaginären Freund des liebenswert-schrulligen und zu allen unerschütterlich freundlichen Elwood P. Dowd. Im Hollywoodstreifen aus dem Jahre 1950 wird Harveys Kumpel überwirklich dargestellt vom amerikanischen Jedermann James Stewart. Stundenlang ziehen Elwood und Phatasiehase Harvey durch die Stadt, um in „Charley’s Bar“ fremde Leute auf ein Glas einzuladen.

Kindern braucht niemand die Existenz eines unsichtbaren Freundes zu erklären. Wir Erwachsene wünschen uns manchmal einen treuen Berater, der mit uns durch die Welt geht und an das Gute glaubt.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 4. April 2026.

Ost ern

Der Osterhase, ein Westler mit Ostbezug ist ein freundlicher Gesell. Fleißig, wenn auch nur im Lenz, farbenfroh, was seine Produkte betrifft: Bunte Eier, eigenhändig bemalt, in Nester gelegt und im Frühlingsgarten versteckt. Was seine Unsichtbarkeit betrifft, ist man versucht, an den Hasen „Harvey“ zu denken, den 2,10 Meter großen immaginären Freund des liebenswert-schrulligen und zu allen unerschütterlich freundlichen Elwood P. Dowd. Im Hollywoodstreifen aus dem Jahre 1950 wird Harveys Kumpel überwirklich dargestellt vom amerikanischen Jedermann James Stewart. Stundenlang ziehen Elwood und Phatasiehase Harvey durch die Stadt, um in „Charley’s Bar“ fremde Leute auf ein Glas einzuladen. Die Sache bleibt nicht ohne eskalierende Konsequenzen. Die Grenzen zwischen „daneben“ und „entrückt“ verschwimmen.

Als momentane Harveyfreunde amtieren ein gewisser Donald Trump, sein neurodivergenter Präsidentenbuddy Wladimir Putin und die iranischen Mullahs. Noch ist nicht klar, ob die drei den selben Harvey haben. Ob der Unsichtbare von Trump größer ist als jener von Putin, und ob der iranische Turban trägt. Ob sie die Eier selbst lackieren, oder nur lackieren lassen, wird die Geschichte klären. Wenn auch nicht jetzt, und auch nicht zu Lebzeiten der Protagonisten. Im ukrainischen Fall dauert Ostern jetzt schon ein paar Jahre. Die Menschen in Ayatollahland gewöhnen sich erst an die Eier. Die Israelis haben schon Erfahrung mit den Flugeiern. Was die unsichtbaren Harveys ihren Freunden ins Ohr flüstern, bleibt unserer Vorstellung überlassen. Vermutlich Affirmatives wie: „Karascho, Vladi“. „Leg nach, Donald!“ und „Hopp hopp, Chamenei!“

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 4. April 2026. Nicht erschienene Version.

Mopperl Spezial

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 13/2026 vom 25. März 2025

Liebe Frau Andrea,
der Austriazismus „Spezimopperln“ scheint aus der Mode gekommen zu sein. Selbst zwei Wiener wussten keinen Rat. Der Begriff ist mir zweimal begegnet: „Spezimopperln haben’s halt net mit mir machen können“, heißt es im Roman „Neue Zeit“ von Hermann Lenz aus dem Jahr 1975. Der Sprechende ist ein Wiener, ein Soldat im zweiten Weltkrieg, der unbeschadet von einem Verhör an die Front zurückkehrt. „Wann S‘ Ihna mit der Bruat/net spezimopperl måchen,/ erst dann gehts Ihna guad -/Des san scho solche Såchen“ heißt es im Gedicht „Der Philosoph“ des umstrittenen Dichters Josef Weinheber. Im ersten Beispiel vermute ich, der Sprecher sage, man habe dem Soldaten kein X für ein U vormachen können. Ähnlich ließe sich das zweite Beispiel übersetzen: „Wenn Sie aus Ihrer Brust keine Mördergrube machen, erst dann geht es Ihnen gut.“ Doch ich bin mir alles andere als sicher. Können Sie helfen?
Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Gerald Koll, Berlin, per Email

Lieber Dottore,

die besagte Bezeichnung findet sich in der 1951 erschienenen Publikation „Alt-Wienerisch. Ein Wörterbuch veraltender und veralteter Wiener Ausdrücke und Redensarten der letzten 7 Jahrzehnte“ des Philologen und Gymnasiallehrers Mauriz Schuster. Wir versuchen, dessen Deutung des Begriffs zu folgen. Demnach sei „spezimopperl“ soviel wie „wohlbefreundet“. „Si mit an spezimopperl måchn (sich mit jemand spezimopperl machen) heiße laut Schuster, sich mit jemandem anzufreunden, auf guten Fuß zu stellen, sich jemandem anzubiedern. Ist doch der „Spezi„ der besondere, „spezielle“ Freund. Der Wortteil -mopperl sei schwerer zu deuten; Schuster vermutet eine Umbildung des französischen -mable (wie in aimable, estimable).

„Mopperl“ wurde kosewörtlich für die untersetzte weibliche Person gebraucht, abgeleitet von „Moppel“ und „Mops“, dem dicken, pummeligen Zierhund, der nicht nur „Möpse“ als Ausdruck für die weiblichen Brüste erzeugt hat, sondern auch die, Männern vorbehaltene Erfahrung „einen Mops“ (einen versteiften Penis) zu haben. Genau hier dürfte unser Begriff „spezimopperl“ seinen Fokus zu haben. „Spezimopperl machen“ wäre sohin die Anbahnung und Ausübung homosexueller Leidenschaft.


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Die österreichische Erleuchtung

Hell und klar strahlt Österreich im Abglanz seiner Geschichte. Es sonnt sich im Bild, das Fremdenverkehr und Schulbücher von seinen Möglichkeiten zeichnen. Alle lieben Österreich, das lichtdurchflutete Zauberland im Herzen Europas. Heftig lieben es die Österreicher selbst (die Österreicherinnen sind mitgemeint), die Profiteure dieser Wanderlüge. Insbesondere die Hoteliers, die Liftbesitzer, die Festbühnenbetreiber.

Wo Licht ist, ist auch Schatten, sagen die Auskenner, und im Österreichfall habe sie ganz und gar recht. Ungefragt und immerdar. Geschichtlich geübt im Verdunkeln und Verschleiern scheitert Schnitzelland, wann immer es gilt, Licht in eine Sache zu bringen. Die Sache ist immer eine Österreichsache. Gemäß seiner Funktion als Versuchsstation des Weltuntergangs hat das Land der Berge jedes Unglück entweder erfunden oder zur Produktionsreife gebracht. Jedes denkbare, und wie wir inzwischen wissen, sogar jedes undenkbare.

Die Optimisten sehen das naturgemäß anders, und sie schrauben ihre schwache Birne in die Lampenfassung der Erkenntnis. Die Pessimisten, erfahren im Widerspruch, erprobt im Rechtbehalten überführen ihre Diskurspartner von der Gegenseite des Irrtums, der Selbsttäuschung. Österreich ist Dunkelland, sagen sie mit leiser Stimme. Jeder Versuch, sein Innerstes zu erhellen muss scheitern. Wir erinnern an den Dunkelforscher Helmut Qualtinger, der uns den Leitfaden für diesen Befund gesponnen hat. Österreich, so der Kobuk, sei jenes Labyrinth, in dem sich alle auskennen. Die Pessimisten eindeutig besser. Sie sind die Sehenden unter den Blinden.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 21. März 2026.

Jungfrau und Versuchung

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 12/2026 vom 18. März 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner Kindheit wurden wir sommers zu unserer bigotten Tante Hette gebracht. Wir mussten vor jedem Essen, zum Aufstehen, und zum Schlafengehen beten. Sie hat uns Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen, etwa „Hilferufe aus dem Fegefeuer“. Sie selbst trat aus der Kirche aus, weil sie mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht einverstanden war. Ein Beispiel: Im Vaterunser wird seither gebetet „und führe uns nicht in Versuchung“ Damit unterstelle man jedoch dem lieben Gott, daß er Böses im Schilde führe und quasi der Teufel sei. Davor hieß es: „und führe uns in der Versuchung“. Setzen, fünf, alle! Womöglich ist auch irgendwann aus der „jungen Frau Maria“, die „Jungfrau Maria“ entstanden. Warum sind die Katholen so immun gegen Realität? Ich freue mich auf ihre Gedanken zu diesem andauernden Schlamassel.
Beste Grüße aus Tirol,
Karl Wienand, 51, Atheist, per Email

Lieber Karl,

ausgelöst von Weichzeichnungsversuchen des Gottesbildes während des Zweiten Vatikanisches Konzils (1962–1965) beten die französischen Katholiken seit einer Neuübersetzung der Bibel 2017: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“ (Ne nous laisse pas entrer dans la tentation). Dem schloss sich der damalige Papst Franziskus an. Die deutschen Theologen konnten sich dafür nicht erwärmen. Die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ stamme aus der Lutherbibel (Mt 6,13) argumentierten sie, und sei unveränderbarer Teil des Vaterunsers. Sie basiere auf dem griechischen „Kai mē eisenenkēs hēmas eis peirasmon“ (Und führe uns nicht in Versuchung).

Theologische Realität ist auch die Jungfräulichkeit Marien. Schon der Kirchenschriftsteller Origines vertrat sie um 200. Das Dogma der Immerwährenden Jungfräulichkeit wurde insbesondere am fünften ökumenischen Konzil (Konstantinopel, 553) nachdrücklich bestätigt. Unser Wort Jungfrau, ahd. jungfrouwa bezeichnete zunächst die „junge Herrin“, das Edelfräulein. Es wurde später verallgemeinert zu „junge (unverheiratete) Frau“. Im Rahmen des Marienkultes wurde das Wort bis heute eingeengt auf die unberührte Jungfrau.

Roma locuta, causa finita.


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Ghosting, Breadcrumbing, Orbiting

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 11/2026 vom 11. März 2025

Liebe Frau Andrea,
ich bin ja nicht ganz von gestern, aber immer öfter stehe ich sozialmedial auf der Leitung. Was bitte (ich ahne es!) ist „ghosting“? Muss ich mich vor „breadcrumbing“ und „orbiting“ fürchten? Und wie gehen „benching“ und „firedooring“?
Bitte um explaining!

Liebe Grüße und lieben Dank!
Pauline Watzlawick, Villach, per Postkarte

Liebe Pauline,

die Digitalisierung unserer Beziehungen hat alte Verhaltensmuster ins Groteske aufgeblasen und neue etabliert. Der Social-Media-Hegemon Amerika und seine lingua franca, das US-Englisch hat eine Vielzahl von Begriffen für moderne Umgangsformen angelegt. Wir finden sie im Rahmen von online- und RL- (real life) „dating“, dem Kennenlernen von Personen, gemeinhin in der Absicht, eine romantische Beziehung oder eine „situationship“ einzurichten. Die Liste der „ingen“ ist lang und fokussiert meist auf Schiefgelaufenes.

Unter „breadcrumbing“, der schmerzhaften Fortsetzung von „love bombing“ versteht man das unverfängliche Streuen von Brotkrümeln, kleinen Portiönchen an Aufmerksamkeit und geradezu mikroskopischer Zuneigung. „Ghosting“ bezeichnet den plötzlichen und erklärungslosen Abbruch jeglicher Kommunikation, „slow fading“ oder „soft ghosting“ das langsame Ausbluten der Beziehung. „Ghoster“ bleiben im Rahmen ihrer sozialen Deformation in Kontakt, in dem sie „orbiting“ betreiben, der geghosteten Beziehung weiterhin folgen, vielleicht sogar „haunting“ betreiben, nach Abbruch der Kommunikation Stories, Beiträge und Postings beobachten, ja manchmal sogar liken.

Verstörend kann „submarining“, sein, das toxische Auftauchen nach langen Phasen der Funkstille. Direkt und unverblümt, als ob nichts passiert wäre, und „ghosting“ „orbiting“ und „haunting“ nie stattgefunden hätten. Als Sonderform des „submarining“ gilt das „zombieing,“ der Versuch Geghosteten vorzugaukeln, das Abtauchen wäre ein Missverständnis gewesen. Verletzend kann „benching“ (das Wahrmhalten der Beziehung auf der Ersatzbank) sein, richtig böse schließlich  „firedooring“, die einseitige Beziehung, die sich nur meldet, wenn sie etwas braucht, ansonst aber unerreichbar bleibt.


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Im persischen Garten

Was geht es uns an, heißt es, wenn die Nachrichten aus dem Iran kommen, spärlich, zeitverzögert, verstörend, unglaublich. Der Iran, heißt es am Stammtisch und in der Postingmanege, ist weit weg, ganz weit weg, ist uns fremd. Wir hier in Schnitzelland haben keinen Bezug zu diesen Leuten. Gemeint sind da wohl die Bösewichte mit den Mullahbärten, die tiefverschleierten Sittenwächterinnen, die Schlägertrupps auf ihren Mopeds, die krawattenlosen Hardliner mit ihren grauen Gesichtern. Die sind uns allzu fremd. Die anderen, die Ermordeten, die Geschändeten, die von den Baukränen Hängenden, die Vergewaltigten und Hingerichteten, das sind die, uns nahe sein sollten, und vielen auch nahe sind. Ihre Verwandten und Freundinnen und Freunde leben hier. In der Diaspora, im Exil. In ständiger Angst um die Zurückgelassenen. Und in fortwährender Verstörung. Sie leben hier bei uns, weil sie Teil des Westens sind und immer Teil des Westen waren. Orientalische Westler und westliche Orientalen, wenn man das so flapsig sagen möchte.

Die Iraner·innen haben keinen Humor, jedenfalls nicht unseren, heißt es dann. Stimmt doch garnicht, antworten die Fans von Michael Niavarani und Aida Loos. Sie singen seltsam und tanzen anders. Stimmt doch garnicht, ruft uns Freddie Mercury aka Farrokh Bulsara von seinen Platten und aus seinen Videos zu.

Perserinnern und Perser, Iranerinnen und Iraner sind Leute wie wir. Sie sind nicht weit weg. Auch wenn wir das glauben sollen. Hoffen wir, dass Ihnen der Krieg des Donald Trump bessere Zeiten bringt und nicht nur neues Leid.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 7. März 2026.

Hatte Gatte – Die ganze Wahrheit

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 10/2026 vom 4. März 2025

Liebe Frau Andrea,
wir plagen uns schon den ganzen Abend, das Schimpfwort „Hattegatte“ zu ergründen! Die Oma meiner Frau hat dieses Wort im Salzburgischen verwendet, meine Mutter aus Tirol hat eher zu „Harteguggi“ geneigt. Können Sie uns dabei etymologisch auf die Sprünge helfen?
Verbindlichsten Dank und Liebe Grüße,
Peter Haigermoser, von meinem iPhone gesendet

Lieber Peter,

der gesuchte Begriff zirkuliert vor allem im Tirolerischen, ist aber über die alpinsportlichen Aktivitäten auch in die benachbarten westlichen Bundesländer übergeschwappt. Der Kärntner Millionenshowmoderator Armin Assinger verwendet den saftigen Ausspruch regelmäßig im Hauptabendprogramm. „Hardigatti“, wie es sich am besten schriebe (und auch meist ausgesprochen wird) ist allerdings kein Schimpf-, sondern ein Fluchwort.

Die Tiroler vermeinen, in „Hardigatti!“ erstmal die „Gattihose“ genannte Unterhose und eventuell den „Herrgott“ herauszuhören. Wie alle guten Flüche hat auch „Hardigatti!“ zwar mehrere scheinbare, aber eine tatsächliche Bedeutung. Das Tiroler „Hardigatti!“ entspricht ungefähr unserem „verflixt!“. „Harschgatt!“ oder „Harsch di Gatten!“ erinnert nicht zufällig an den „Arsch“. Fluchende Pinzgauer kennen „Hardiguggi!“, ausflippende Osttiroler „Hardimizzn!“, mit der sie Marien (Mizzen) zürnen. Der liebe Gott, die Mutter seines Sohnes und die männliche Unterhose sind aber nur Masken, hinter denen sich die wahre Bedeutung von „Hardigatti!“ verbirgt. Der Fluch, den es auch im alten Wienerisch als „Hardek!“ oder „Hardex!“ gibt, kommt tatsächlich vom ungarischen „ördögatta“. Das „atta“ der Magyaren, mit heutiger Rechtschreibung „adta“, ist das Partizip Perfekt des Wortes „ad“ – „geben“ und kommt in mehreren Redewendungen vor: „Istenadta“ (gottgegeben), „ebadta“ (Kreatur eines Hundes) und „ördögadta“ (Ausgeburt des Teufels). Heute milde Schimpfworte, waren das früher mittelschwere Beleidigungen. Die schweren Kanonen „teremtette“, gar „bassza teremtette“ – „der Kreator“, das heißt Gott, „soll seine Kreatur ficken“ sind allerdings noch nicht ausgestorben.


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