Berufe und Benennungen

Da werde ich gefragt, in Fragebögen und für Kurzbiographien, welchen Beruf ich denn wohl hätte, und die Antwort fällt schwer, weil ich keinen Beruf habe. Ja, aber Sie müssen doch einen haben, kommt es dann, und sogar in mir schallt es leise, als Reflex auf den gesellschaftlichen Bekenntnisdruck. Sagen Sie etwas. Dann sage ich: Ich denke nach.

Dennoch hier eine Liste. So bin ich, in eigener oder fremder Zuschreibung:

Achilla Douglas
Alessia Santandrea
Amanda D’Arreluis
Amelia Natt och Dag
Apollonia Tillbakaseende Ulv
Architekturbewunderin
Art Directrice
Asporina
Atheistin
Ausstatterin
Autorin des Unendlichen Panoramas
Bibliothekarin eines Handapparats
Boireannach Albannach
Buchbinderin
Bühnenbildnerin
Chloé Marie Hamilton
Comandantina beim Bureau für Information Wiederbeschaffung
Cousine
Dardania Lamurés
DJane
Discarded by avoidant
Doktorin der Philosophie
Drehbuchautorin
Empirikerin der Vorzukunft
Essayistin
Feuermacherin
Flâneuse
Forscherin zu Riten in Räumen
Freischaffende Sozialdemokratin
Geliebte
Gitarristin
Greenlighterin
Großsekretärin für Inneres
Heiße Quelle
Hermeneutikerin
Hextilda FitzUchtred Tynedale
Information Wiederbeschafferin
Inkompetenzkompensationskompetente
Instrukteurin
Jachin-und-Boasologikerin
Kolumnistin
Komplizin (gewesen)
Kulturwissenschaftlerin
Lehrende
Liebende
L’infiammata
Magistra Artium
Malerin
Maschinenmaria
Maschinistin
Meisterin vom Stuhl
Miranda Leda Saur
Morgaine Pendragon
Musikerin
Nachdenkerin
New Yorkerin
Österreichkundlerin
Otrovertierte
Papierblumenmacherin
Parisienne
Past Master
Photographin
Plakatdesignerin
Poetin
Pythia
Realisatrice
Regisseurin
Reisende
Rhizomatische Enzyklopädistin
Romanautorin
Sammlerin
Sara Edna Almudir
Satirikerin
Scat Guitarist
Scotswoman
Scheiternde, Scheiternde, besser Scheiternde
Schülerin
Smeraldina D’Uraa
Svensk flicka
Schwester
Sezierkundige
Sporadikerin
Stachelschützin
Super-Recognizerin
Transzendentalbelletristikerin
Universitätslektorin
Verbündete
Viennologin
Wirkungshistorikerin
Wortvulkan
Zeichnerin
Zirkusprinzessin

 

 

 

 

Meister Adebar

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 15/2026 vom 8. April 2026

Liebe Frau Andrea,
mit Interesse lese regelmäßig Ihre Beiträge. Heute hätte ich selbst eine Frage. Worauf lässt sich der hartnäckige Aberglaube zurückführen, dass gerade ein Klapperstorch jeweils unsere menschlichen Nachkommen bei den leiblichen Eltern abliefert?
Liebe Grüße aus Tirol, wo ebendiese Angelegenheit weithin sichtbar mittels 2D-Exemplaren an Balkonen und anderen Fassadenelementen zur Schau gestellt wird.
Günther Rabanser, von meinem iPhone gesendet

Lieber Günther,

die Usance, erfolgten Nachwuchs mit dem Storchensymbol kundzutun, ist nicht auf Tirol beschränkt. Die Gestaltungsoffensive ist in der Regel auf und vor Einfamilienhäusern und Bauernhöfen beobachtbar, sie ähnelt den Hinweisen auf die runden Geburtstage der Bewohner·innen. Bei den Geburtshinweisen handelt es sich immer um den Weißstorch, er wird, silhouettenhaft aus Holz gesägt, stehend dargestellt, seltener im Flug. Oft, wenn auch nicht immer trägt er ein geschnürtes Babybündel im Schnabel, als Hinweis auf das Geburtsgeschlecht in blau oder rosa.

Meister Adebar, wie der Storch auch genannt wird, bezieht seine Nämlichkeit und die mythologische Zuschreibung als Glücksbringer, über das Niederdeutsche kommend, vom germanisch erschlossenen *auda- (heil, Glück) und *ber-a- (tragen, bringen, gebären). Ob Adebar, in anderer Etymologie auch ein Wort für Sumpfgänger ist, läßt sich indes nicht ausreichend sichern. Der Storch gilt seit alterher als heiliges Tier, und wegen seines Zugverhaltens als Bote des Frühlings. Er soll dem Haus, auf dem er nistet, Glück bringen, es vor Blitz und Feuer bewahren. Um dem Storch den Nestbau zu erleichtern, legt(e) man ihm ein Wagenrad aufs Dach.

Der Glaube, daß der Storch die Kinder bringe, ist verhältnismäßig jung. Die mitteleruopäische Mythenforschung schreibt ihm dem Volksglauben zu, nach dem die Kinder aus dem „Brunnen“ kommen. Galt doch das Wasser nach altem Volksglauben als Symbol und Ursprung für den Beginn neuen Lebens. Die Menschen glaubten, dass im Wasser die Seelen der Kinder wohnten. Das Fröschlein, das der Storch aus dem Sumpf zieht, ist demnach der Avatar des Neugeborenen.


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Ostern

Ostern ist das das höchste christliche Fest. Dabei wird der Frohbotschaft von der Auferstehung Jesu Christi, des Gottesohnes gedacht, nach biblischem Bericht am dritten Tage nach dem Kreuzestod. Ostern wird am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond begangen, lateinisch heißt der Feiertag Dominica paschæ in resurrectione Domini, frühestens schreibt er sich am 22. März in den Kalender, und spätestens am 25. April, diesmal am 5. April. Der Ostersonntag ist der ranghöchste Feiertag im Kirchenjahr, auch für Areligiöse kann er Symbol dafür dienen, wie nahe die Katastrophe und eine erlösende gute Nachricht liegen.

Weithin außerhalb des religiösen Kontextes, aber in intensiver Österreichischkeit herrscht der Brauch, Kindern kleine Geschenke zu verstecken. Als Urheber wird dabei der Osterhase genannt. Ein freundlicher Gesell, fleißig, was seine Produkte betrifft: Bunte Eier, eigenhändig bemalt, in Nester gelegt und im Frühlingsgarten verteilt. Was seine Unsichtbarkeit betrifft, ist man versucht, an den Hasen „Harvey“ zu denken, den 2,10 Meter großen immaginären Freund des liebenswert-schrulligen und zu allen unerschütterlich freundlichen Elwood P. Dowd. Im Hollywoodstreifen aus dem Jahre 1950 wird Harveys Kumpel überwirklich dargestellt vom amerikanischen Jedermann James Stewart. Stundenlang ziehen Elwood und Phatasiehase Harvey durch die Stadt, um in „Charley’s Bar“ fremde Leute auf ein Glas einzuladen.

Kindern braucht niemand die Existenz eines unsichtbaren Freundes zu erklären. Wir Erwachsene wünschen uns manchmal einen treuen Berater, der mit uns durch die Welt geht und an das Gute glaubt.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 4. April 2026.

Ost ern

Der Osterhase, ein Westler mit Ostbezug ist ein freundlicher Gesell. Fleißig, wenn auch nur im Lenz, farbenfroh, was seine Produkte betrifft: Bunte Eier, eigenhändig bemalt, in Nester gelegt und im Frühlingsgarten versteckt. Was seine Unsichtbarkeit betrifft, ist man versucht, an den Hasen „Harvey“ zu denken, den 2,10 Meter großen immaginären Freund des liebenswert-schrulligen und zu allen unerschütterlich freundlichen Elwood P. Dowd. Im Hollywoodstreifen aus dem Jahre 1950 wird Harveys Kumpel überwirklich dargestellt vom amerikanischen Jedermann James Stewart. Stundenlang ziehen Elwood und Phatasiehase Harvey durch die Stadt, um in „Charley’s Bar“ fremde Leute auf ein Glas einzuladen. Die Sache bleibt nicht ohne eskalierende Konsequenzen. Die Grenzen zwischen „daneben“ und „entrückt“ verschwimmen.

Als momentane Harveyfreunde amtieren ein gewisser Donald Trump, sein neurodivergenter Präsidentenbuddy Wladimir Putin und die iranischen Mullahs. Noch ist nicht klar, ob die drei den selben Harvey haben. Ob der Unsichtbare von Trump größer ist als jener von Putin, und ob der iranische Turban trägt. Ob sie die Eier selbst lackieren, oder nur lackieren lassen, wird die Geschichte klären. Wenn auch nicht jetzt, und auch nicht zu Lebzeiten der Protagonisten. Im ukrainischen Fall dauert Ostern jetzt schon ein paar Jahre. Die Menschen in Ayatollahland gewöhnen sich erst an die Eier. Die Israelis haben schon Erfahrung mit den Flugeiern. Was die unsichtbaren Harveys ihren Freunden ins Ohr flüstern, bleibt unserer Vorstellung überlassen. Vermutlich Affirmatives wie: „Karascho, Vladi“. „Leg nach, Donald!“ und „Hopp hopp, Chamenei!“

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 4. April 2026. Nicht erschienene Version.

Mopperl Spezial

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 13/2026 vom 25. März 2025

Liebe Frau Andrea,
der Austriazismus „Spezimopperln“ scheint aus der Mode gekommen zu sein. Selbst zwei Wiener wussten keinen Rat. Der Begriff ist mir zweimal begegnet: „Spezimopperln haben’s halt net mit mir machen können“, heißt es im Roman „Neue Zeit“ von Hermann Lenz aus dem Jahr 1975. Der Sprechende ist ein Wiener, ein Soldat im zweiten Weltkrieg, der unbeschadet von einem Verhör an die Front zurückkehrt. „Wann S‘ Ihna mit der Bruat/net spezimopperl måchen,/ erst dann gehts Ihna guad -/Des san scho solche Såchen“ heißt es im Gedicht „Der Philosoph“ des umstrittenen Dichters Josef Weinheber. Im ersten Beispiel vermute ich, der Sprecher sage, man habe dem Soldaten kein X für ein U vormachen können. Ähnlich ließe sich das zweite Beispiel übersetzen: „Wenn Sie aus Ihrer Brust keine Mördergrube machen, erst dann geht es Ihnen gut.“ Doch ich bin mir alles andere als sicher. Können Sie helfen?
Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Gerald Koll, Berlin, per Email

Lieber Dottore,

die besagte Bezeichnung findet sich in der 1951 erschienenen Publikation „Alt-Wienerisch. Ein Wörterbuch veraltender und veralteter Wiener Ausdrücke und Redensarten der letzten 7 Jahrzehnte“ des Philologen und Gymnasiallehrers Mauriz Schuster. Wir versuchen, dessen Deutung des Begriffs zu folgen. Demnach sei „spezimopperl“ soviel wie „wohlbefreundet“. „Si mit an spezimopperl måchn (sich mit jemand spezimopperl machen) heiße laut Schuster, sich mit jemandem anzufreunden, auf guten Fuß zu stellen, sich jemandem anzubiedern. Ist doch der „Spezi„ der besondere, „spezielle“ Freund. Der Wortteil -mopperl sei schwerer zu deuten; Schuster vermutet eine Umbildung des französischen -mable (wie in aimable, estimable).

„Mopperl“ wurde kosewörtlich für die untersetzte weibliche Person gebraucht, abgeleitet von „Moppel“ und „Mops“, dem dicken, pummeligen Zierhund, der nicht nur „Möpse“ als Ausdruck für die weiblichen Brüste erzeugt hat, sondern auch die, Männern vorbehaltene Erfahrung „einen Mops“ (einen versteiften Penis) zu haben. Genau hier dürfte unser Begriff „spezimopperl“ seinen Fokus zu haben. „Spezimopperl machen“ wäre sohin die Anbahnung und Ausübung homosexueller Leidenschaft.


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Die österreichische Erleuchtung

Hell und klar strahlt Österreich im Abglanz seiner Geschichte. Es sonnt sich im Bild, das Fremdenverkehr und Schulbücher von seinen Möglichkeiten zeichnen. Alle lieben Österreich, das lichtdurchflutete Zauberland im Herzen Europas. Heftig lieben es die Österreicher selbst (die Österreicherinnen sind mitgemeint), die Profiteure dieser Wanderlüge. Insbesondere die Hoteliers, die Liftbesitzer, die Festbühnenbetreiber.

Wo Licht ist, ist auch Schatten, sagen die Auskenner, und im Österreichfall habe sie ganz und gar recht. Ungefragt und immerdar. Geschichtlich geübt im Verdunkeln und Verschleiern scheitert Schnitzelland, wann immer es gilt, Licht in eine Sache zu bringen. Die Sache ist immer eine Österreichsache. Gemäß seiner Funktion als Versuchsstation des Weltuntergangs hat das Land der Berge jedes Unglück entweder erfunden oder zur Produktionsreife gebracht. Jedes denkbare, und wie wir inzwischen wissen, sogar jedes undenkbare.

Die Optimisten sehen das naturgemäß anders, und sie schrauben ihre schwache Birne in die Lampenfassung der Erkenntnis. Die Pessimisten, erfahren im Widerspruch, erprobt im Rechtbehalten überführen ihre Diskurspartner von der Gegenseite des Irrtums, der Selbsttäuschung. Österreich ist Dunkelland, sagen sie mit leiser Stimme. Jeder Versuch, sein Innerstes zu erhellen muss scheitern. Wir erinnern an den Dunkelforscher Helmut Qualtinger, der uns den Leitfaden für diesen Befund gesponnen hat. Österreich, so der Kobuk, sei jenes Labyrinth, in dem sich alle auskennen. Die Pessimisten eindeutig besser. Sie sind die Sehenden unter den Blinden.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 21. März 2026.

Jungfrau und Versuchung

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 12/2026 vom 18. März 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner Kindheit wurden wir sommers zu unserer bigotten Tante Hette gebracht. Wir mussten vor jedem Essen, zum Aufstehen, und zum Schlafengehen beten. Sie hat uns Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen, etwa „Hilferufe aus dem Fegefeuer“. Sie selbst trat aus der Kirche aus, weil sie mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht einverstanden war. Ein Beispiel: Im Vaterunser wird seither gebetet „und führe uns nicht in Versuchung“ Damit unterstelle man jedoch dem lieben Gott, daß er Böses im Schilde führe und quasi der Teufel sei. Davor hieß es: „und führe uns in der Versuchung“. Setzen, fünf, alle! Womöglich ist auch irgendwann aus der „jungen Frau Maria“, die „Jungfrau Maria“ entstanden. Warum sind die Katholen so immun gegen Realität? Ich freue mich auf ihre Gedanken zu diesem andauernden Schlamassel.
Beste Grüße aus Tirol,
Karl Wienand, 51, Atheist, per Email

Lieber Karl,

ausgelöst von Weichzeichnungsversuchen des Gottesbildes während des Zweiten Vatikanisches Konzils (1962–1965) beten die französischen Katholiken seit einer Neuübersetzung der Bibel 2017: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“ (Ne nous laisse pas entrer dans la tentation). Dem schloss sich der damalige Papst Franziskus an. Die deutschen Theologen konnten sich dafür nicht erwärmen. Die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ stamme aus der Lutherbibel (Mt 6,13) argumentierten sie, und sei unveränderbarer Teil des Vaterunsers. Sie basiere auf dem griechischen „Kai mē eisenenkēs hēmas eis peirasmon“ (Und führe uns nicht in Versuchung).

Theologische Realität ist auch die Jungfräulichkeit Marien. Schon der Kirchenschriftsteller Origines vertrat sie um 200. Das Dogma der Immerwährenden Jungfräulichkeit wurde insbesondere am fünften ökumenischen Konzil (Konstantinopel, 553) nachdrücklich bestätigt. Unser Wort Jungfrau, ahd. jungfrouwa bezeichnete zunächst die „junge Herrin“, das Edelfräulein. Es wurde später verallgemeinert zu „junge (unverheiratete) Frau“. Im Rahmen des Marienkultes wurde das Wort bis heute eingeengt auf die unberührte Jungfrau.

Roma locuta, causa finita.


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Ghosting, Breadcrumbing, Orbiting

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 11/2026 vom 11. März 2025

Liebe Frau Andrea,
ich bin ja nicht ganz von gestern, aber immer öfter stehe ich sozialmedial auf der Leitung. Was bitte (ich ahne es!) ist „ghosting“? Muss ich mich vor „breadcrumbing“ und „orbiting“ fürchten? Und wie gehen „benching“ und „firedooring“?
Bitte um explaining!

Liebe Grüße und lieben Dank!
Pauline Watzlawick, Villach, per Postkarte

Liebe Pauline,

die Digitalisierung unserer Beziehungen hat alte Verhaltensmuster ins Groteske aufgeblasen und neue etabliert. Der Social-Media-Hegemon Amerika und seine lingua franca, das US-Englisch hat eine Vielzahl von Begriffen für moderne Umgangsformen angelegt. Wir finden sie im Rahmen von online- und RL- (real life) „dating“, dem Kennenlernen von Personen, gemeinhin in der Absicht, eine romantische Beziehung oder eine „situationship“ einzurichten. Die Liste der „ingen“ ist lang und fokussiert meist auf Schiefgelaufenes.

Unter „breadcrumbing“, der schmerzhaften Fortsetzung von „love bombing“ versteht man das unverfängliche Streuen von Brotkrümeln, kleinen Portiönchen an Aufmerksamkeit und geradezu mikroskopischer Zuneigung. „Ghosting“ bezeichnet den plötzlichen und erklärungslosen Abbruch jeglicher Kommunikation, „slow fading“ oder „soft ghosting“ das langsame Ausbluten der Beziehung. „Ghoster“ bleiben im Rahmen ihrer sozialen Deformation in Kontakt, in dem sie „orbiting“ betreiben, der geghosteten Beziehung weiterhin folgen, vielleicht sogar „haunting“ betreiben, nach Abbruch der Kommunikation Stories, Beiträge und Postings beobachten, ja manchmal sogar liken.

Verstörend kann „submarining“, sein, das toxische Auftauchen nach langen Phasen der Funkstille. Direkt und unverblümt, als ob nichts passiert wäre, und „ghosting“ „orbiting“ und „haunting“ nie stattgefunden hätten. Als Sonderform des „submarining“ gilt das „zombieing,“ der Versuch Geghosteten vorzugaukeln, das Abtauchen wäre ein Missverständnis gewesen. Verletzend kann „benching“ (das Wahrmhalten der Beziehung auf der Ersatzbank) sein, richtig böse schließlich  „firedooring“, die einseitige Beziehung, die sich nur meldet, wenn sie etwas braucht, ansonst aber unerreichbar bleibt.


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Im persischen Garten

Was geht es uns an, heißt es, wenn die Nachrichten aus dem Iran kommen, spärlich, zeitverzögert, verstörend, unglaublich. Der Iran, heißt es am Stammtisch und in der Postingmanege, ist weit weg, ganz weit weg, ist uns fremd. Wir hier in Schnitzelland haben keinen Bezug zu diesen Leuten. Gemeint sind da wohl die Bösewichte mit den Mullahbärten, die tiefverschleierten Sittenwächterinnen, die Schlägertrupps auf ihren Mopeds, die krawattenlosen Hardliner mit ihren grauen Gesichtern. Die sind uns allzu fremd. Die anderen, die Ermordeten, die Geschändeten, die von den Baukränen Hängenden, die Vergewaltigten und Hingerichteten, das sind die, uns nahe sein sollten, und vielen auch nahe sind. Ihre Verwandten und Freundinnen und Freunde leben hier. In der Diaspora, im Exil. In ständiger Angst um die Zurückgelassenen. Und in fortwährender Verstörung. Sie leben hier bei uns, weil sie Teil des Westens sind und immer Teil des Westen waren. Orientalische Westler und westliche Orientalen, wenn man das so flapsig sagen möchte.

Die Iraner·innen haben keinen Humor, jedenfalls nicht unseren, heißt es dann. Stimmt doch garnicht, antworten die Fans von Michael Niavarani und Aida Loos. Sie singen seltsam und tanzen anders. Stimmt doch garnicht, ruft uns Freddie Mercury aka Farrokh Bulsara von seinen Platten und aus seinen Videos zu.

Perserinnern und Perser, Iranerinnen und Iraner sind Leute wie wir. Sie sind nicht weit weg. Auch wenn wir das glauben sollen. Hoffen wir, dass Ihnen der Krieg des Donald Trump bessere Zeiten bringt und nicht nur neues Leid.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 7. März 2026.

Hatte Gatte – Die ganze Wahrheit

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 10/2026 vom 4. März 2025

Liebe Frau Andrea,
wir plagen uns schon den ganzen Abend, das Schimpfwort „Hattegatte“ zu ergründen! Die Oma meiner Frau hat dieses Wort im Salzburgischen verwendet, meine Mutter aus Tirol hat eher zu „Harteguggi“ geneigt. Können Sie uns dabei etymologisch auf die Sprünge helfen?
Verbindlichsten Dank und Liebe Grüße,
Peter Haigermoser, von meinem iPhone gesendet

Lieber Peter,

der gesuchte Begriff zirkuliert vor allem im Tirolerischen, ist aber über die alpinsportlichen Aktivitäten auch in die benachbarten westlichen Bundesländer übergeschwappt. Der Kärntner Millionenshowmoderator Armin Assinger verwendet den saftigen Ausspruch regelmäßig im Hauptabendprogramm. „Hardigatti“, wie es sich am besten schriebe (und auch meist ausgesprochen wird) ist allerdings kein Schimpf-, sondern ein Fluchwort.

Die Tiroler vermeinen, in „Hardigatti!“ erstmal die „Gattihose“ genannte Unterhose und eventuell den „Herrgott“ herauszuhören. Wie alle guten Flüche hat auch „Hardigatti!“ zwar mehrere scheinbare, aber eine tatsächliche Bedeutung. Das Tiroler „Hardigatti!“ entspricht ungefähr unserem „verflixt!“. „Harschgatt!“ oder „Harsch di Gatten!“ erinnert nicht zufällig an den „Arsch“. Fluchende Pinzgauer kennen „Hardiguggi!“, ausflippende Osttiroler „Hardimizzn!“, mit der sie Marien (Mizzen) zürnen. Der liebe Gott, die Mutter seines Sohnes und die männliche Unterhose sind aber nur Masken, hinter denen sich die wahre Bedeutung von „Hardigatti!“ verbirgt. Der Fluch, den es auch im alten Wienerisch als „Hardek!“ oder „Hardex!“ gibt, kommt tatsächlich vom ungarischen „ördögatta“. Das „atta“ der Magyaren, mit heutiger Rechtschreibung „adta“, ist das Partizip Perfekt des Wortes „ad“ – „geben“ und kommt in mehreren Redewendungen vor: „Istenadta“ (gottgegeben), „ebadta“ (Kreatur eines Hundes) und „ördögadta“ (Ausgeburt des Teufels). Heute milde Schimpfworte, waren das früher mittelschwere Beleidigungen. Die schweren Kanonen „teremtette“, gar „bassza teremtette“ – „der Kreator“, das heißt Gott, „soll seine Kreatur ficken“ sind allerdings noch nicht ausgestorben.


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Ins Kraut gehen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 09/2026 vom 25. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner sprachlichen Welt kommt – noch immer – die Formulierung „låss mi im Kraud“ vor, wenn ich zum Ausdruck bringen will, Ruhe zu benötigen bzw. nicht belästigt werden zu wollen. Wieso ist davon auszugehen, dass gerade im Krautacker Ruhe herrscht? Oder stammt dieses Kraut von einem ganz anderen Wort altertümlicher oder fremdsprachlicher Herkunft ab? Ich bitte um Ihre Einschätzung und danke schon im Voraus für Ihren kundigen Ratschlag.
Mit freundlichen Grüßen,
Wolfgang Sabella, per Email

Lieber Wolfgang,

das Wort „Kraut“ kommt nach Befund der Etymologen vom althochdeutschen „krût“. Es war ursprünglich eine spezifische Bezeichnung für nicht verholzende Blattpflanzen, im engeren Sinne für „nutzbares Gewächse“ oder „Gemüse“. Im deutschsprachigen Süden, zu dem auch wir gehören verengte es seine Bedeutung zu Kohl, aber auch zu Gartengemüse, Küchen- und Heilkräutern, und sogar zu Schießpulver. Unkraut ist bekanntlich alles Grünzeug, dass an der falschen Stelle wächst, oder nicht genutzt wird. Im Wienerischen ist mit Kraut, Graud meist das Weißkraut gemeint, aus dem auch Sauerkraut gemacht wird. Kräuter heißen in Wien hingegen „Greida“ und „Greidl“. Die Krautfischer an der Unterelbe haben ihr Kraut aus *kravet (Krabbe, Krebs) verschliffen. Hat das alles mit dem Kraut zu tun, das im altwienerischen Satz „Loss mi in Graut“ oder richtiger „Loss mi ausn Graut“ vorkommt?

Wie die Grot (die Kröte), die in Fällen von ohnmächtiger Akzeptanz geschluckt werden muss, hat das Kraut (eigentlich Graud) keinen Bezug aus der Natur. Es wurde um 1300 als „crot“ in der Bedeutung Belästigung, Beschwerde, meist als Folge einer verhängten Strafe, eines anstrengenden Weges üblich. „Sunder crot“ hieß „ohne sich beschwert zu fühlen“. Im 15. Jahrhundert war die „crot“ schließlich die Last der Verstörung, der Strafe, der Pein, des Leidens, verinnerlicht für Sorge, Betrübnis, Kummer. Nach Vergessen der ursprünglichen Bedeutung, hat sich das botanische „Kraut“ in das alte „Crot“ geschmuggelt. „Loss mi ausn Graut“ wäre demnach zu übersetzten: „Verschon mich mit Kummer und Pein.“ Oder neuwienerisch kurz: „Oida, ned!“


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Schön war’s

Noch schmerzen die Füße vom allerletzten Tanz, klingeln die Ohren vom Humpta der Ballkapelle. Nach dem Kehraus stieg Österreich aus den Kostümen, schüttelte den Flitter aus dem Haar, und staubte das Konfetti von den Schultern. Die fünfte Jahreszeit senkte ihr Haupt in einen Polster aus Fremdscham und Wehmut. Es vorbei und das ist gut so. Die närrischen Tage haben alles konsumiert. Die Lust auf Laune, die Unbeschwertheit der Grenzauslotung, die Eskalation des Gesamtzusammenhangs. Alles wurde gesagt. Vielleicht sogar von allen. Auch die Unkatholischen und Areligiösen finden sich in der Wirklichkeit wieder. Die Häuslwitze des Villacher Faschings, die Büttenscherze des Mainzer Karneval haben ihre Schuldigkeit getan, die da war, die jeweils beliebteste Fernsehsendung des Jahres zu besichern, Nabelschau zu sein, Innensicht, Tiefenreinigung. Nationale Gruppenverzwergung.

Stabile Beobachter wollten das alles nicht so genau wissen. Alle anderen werden sich nicht mehr erinnern können. Da war doch was! Aber was? Fasching ist der große Bruder der Firmenfeier. Was dort nicht passierte, wurde jetzt nachgeholt. Richtiges wurde von Falschem ausradiert, Falsches von Richtigem.

Denen, die Gefallen am schlichten Großspaß hatten, wägen ihn gegen das Brummen im Schädel ab. Photographische Evidenzen werden Geschehens berichten, aber keinen Zusammenhang mit der Erinnerung herstellen. Das Feld der Lustigkeit beackern wieder Comedians (Deutschland) und Kabarettisten (Österreich). Aus Spaß wurde Ernst, sagen die Zyniker·innen, denn Ernst ist jetzt wahlberechtigt.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 21. Februar 2026.

Im Leo sein

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 08/2026 vom 18. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner Vor- und Volksschulzeit, also etwa 1970-1977, war unsere Hauptbeschäftigung, in Ermangelung eines 24/7 Kinder-Fernsehprogrammes, das Spielen im Hof der Wohnhausanlage. Wir spielten „Völkerball“, „Der Kaiser schickt Soldaten aus“, „Versteinere mich nicht“ und „Fangerl“. In diesem Spiel gab es einen klar benannten Ort, wo man nicht „abgeklatscht“ werden durfte, sobald man ihn mit einem Körperteil berührte – das „Leo“. Nun rästseln mein Bruder Stephan und ich, woher der Ausdruck „Leo“ kommt.
Hochachtungsvoll,,
Georg Richter, per Email

Lieber Georg,

Leopoldstädter·innen kennen das Leo als kleines, aufgewecktes Café in der Leopoldsgasse, das ehemalige „Leopoldistüberl“. Die Comandantina kehrt dort gerne ein. Im deutschen Sprachraum kursieren sehr unterschiedliche Bezeichnungen für das Asyl im Fangenspiel – Aus, Bahne, Bedeut, Biet, Boot, Bord, Bude, Frei, Friede, Halu, Hamme, Haus, Heim, Hola, Horre, Inne, Kelle, Klipp, Kobi, Leo, Los, Lou, Mal, Mi, Otte, Pax, Pott, Pulle, Rome, Ruder, Stand, Wupp, und Zick. Unser „Leo“ wird traditionell als Kurzform des Namens „Leopold“ begriffen und mit dem Babenbergerherzog Leopold VI. in Verbindung gebracht. In dieser Etymologie wird wahlweise der damaligen Kirche als auch dem Landesherrn ein Asylrecht zugesprochen. Als sagenhafte Freimale werden ein Stein vor der Schottenkirche und ein Ring am Stefansdom als spezifische, asylauslösende Abklatschorte genannt. Trotz der bestechenden Evidenzen handelt es sich bei der Verbindung des Leo im Fangenspiel mit dem Babenbergerherzog um ein volksetymologisches Konstrukt. Bessere Erklärung bietet die Verwandtschaft des Leo mit dem mittelniederdeutschen „le(he)” und dem altsächsischen „hleo” (Schutz, Decke). Beide kommen vom gemeingermanischen *hlewa (schützender Ort, Obdach). Segler·innen ist das Wort freilich von „Lee“ bekannt, der dem Wind abgekehrten, (wind)geschützten Seite des Schiffs. Gendermäßig können wir auch differenzieren. So bezöge sich der Leo auf den Herzog, das Leo auf die Funktion des Obdachs. Das Uraltwort zu Leo, hleo und *hlewa war jedenfalls feminin. Die Leo also.


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Absagen, aber richtig

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 07/2026 vom 11. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
in meinem Alltag als Künstlerin gibt es viele Herausforderungen. Nun häufen sich die Anfragen, bei diesem oder jenem mitzumachen, dort oder da aufzutreten. Es werde super, heißt es dann, es wäre ein Boost für mein Werk, mein Standing als Künstlerin. Gage oder Honorar gäbe es keines, man sei selbst am Limit. Dennoch freue man sich. Wie teile ich diesen Leuten mit, dass das so nicht geht?

Freundinnenschaft,
Tina Tsornigg, Leopoldstadt, per Insta-DM

Liebe Tina,

es gibt Pfade aus dem Dilemma, die rückgratsvoll beschritten werden können – die paradoxe Intervention und die sarkastische Distanz. Wir sprechen von Arbeitsanfragen, die unsere künstlerische Seele eigentlich mit den Kurzformeln „Nein“, „sicher nicht“ und „fickt euch“  bedienen würde. Indes, es geht auch schärfer. Paradoxe Antworten auf künstlerische Gratisarbeit könnten so lauten: „Gewiss, holder Anfrager, gerne missbrauche ich mein Talent. Ich darf fordern, dass ich bei Ihnen zuhause auch den Großputz mache und die Wäscheberge wegbügle. Es wäre mir eine Ehre!“ Auch gut treffen Antworten dieses Kalibers: „Holla, die Waldfee! Ich habe noch etwas Geld auf die Seite gelegt für Notfälle. Darf ich mein Engagement bei Ihnen noch extra vergüten? Ich zahle gerne drauf. So schön, wahrgenommen zu werden!“ Nehmen die Anfragenden solches ernst und schlagen ein, erhöhen Sie den Einsatz! Interessante Mailkorrespondenzen werden sich ergeben. Sie werden einst ihren Memoiren dienlich sein, und schon jetzt Lacher und Likes auf Instagram generieren.

Weniger Aufwand, aber ebenso große Freude bereitet die sarkastische Distanz, hier dürfen Spuren von kritischer Wut und exzentrischer Gelassenheit eingestreut werden. Antworten Sie auf künstlerische Missbrauchsversuche mit dieser Formel: „Meine Therapeutin ist auf Urlaub. Ich bin zu Unsinn größter Dimension bereit. Ich liebe Folter.“ Best practice auf diesem Feld aber ist folgender Hinweis, den sie auch als Mailsignatur abspeichern wollen:

Vielen Dank für Ihre Anfrage! Ich darf mit Phoebe Buffay-Hannigan aus „Friends“ antworten: „I wish I could, but I don’t want to“ Beste Grüße,
Tina Tsornigg.


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Opernball

Fall jemand fragt (die Staatspolizei hat es gewiss in einem Akt). Ich war bei der ersten großen Opernball-Demo dabei. Wer sich erinnert: Es ging um die Teilnahme des bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß. Nicht um die Walzerklänge des Namensoheims. Bei der Arena-Besetzung war ich auch dabei. Ich habe gegen Zwentendorf gestimmt, saß im Burggarten, weinend, und habe Hainburg verteidigt. Ohne Zelt, im Freien. Ich war sogar verhaftet worden. Spalo und Ägidi habe ich ausgelassen, weil mir die Punks zu bürgerlich waren. Ich habe mit Christian Rainer und Doron Rabinovici das riesige Heldenplatz-Transparent gemalt. In der Arena natürlich. Beim Lichtermeer war ich. Bei den Donnerstags-Demos natürlich auch. Jedesmal. Jeden Donnerstag. Und jeden 1. Mai gehe ich von draußen zum Rathaus. Mit meiner Fahne. Sie ist groß und rot, „Comandantina“ steht drauf.

Unterschungsausschüsse, die fehlen

Untersuchungsausschuss ist, wenn alle ahnen, was passiert ist, aber niemand was weiß. Mit „niemand“ ist die Öffentlicheit gemeint und ihre medialen Lieferanten. Nicht selten dient der Untersuchungsausschuss aber der Kanalisierung von politischem Unmut. Über den Gegner im gesellschaftlichen Diskurs, über den Partner in der Koalition. Dann entfalten sich sämtliche Mechanismen eines Rosenkriegs. Befragungen werden anberaumt, Dokumente und Akten herbeigeschafft. „Wer vorbereitet wen“ ist die Frage, die außerhalb der Untersuchung gestellt wird. Die Antwort dazu würde viele Rätsel lösen. Wenn aber die Vorbereiter selbst aus dem Weg fallen, durch eigenes Stolpern oder durch fremde Hand, wird der Untersuchungsgegenstand zur Möbisusschleife. Freunde der topologischen Spielereien kennen den Streifen, der an einem Ende verdreht ans andere geklebt wird. Dieser Gegenstand hat nur eine Seite. Selbst, wenn die Wahrnehmung anderes vorschlägt. Um die Öffentlichkeit vollends zu verwirren, wird den Teilnehmern des Untersuchungsausschusses Personal vorgeführt, dass zu allen Vorgängen und Zusammenhängen Wahrnehmungen hatte, nur nicht zu den relevanten. Akribische Akteure erinnern sich an nichts mehr, herbeigeschaffte Akten sind an den interessanten Stellen geschwärzt. In Summe ist das so lohnend wie die Lektüre eines fesselnden Kriminalroman, aus dem die letzten Seiten herausgerissen wurden. Im Wissen um das fehlende Ende lesen wir dennoch jede Seite mit größtem Genuss. Vielleicht steht ja zwischen den Zeilen das Eigentliche.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 7. Februar 2026.

Wieviel Schweiz ist im Bernerwürstel?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 06/2026 vom 4. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
ich schätze Bernerwürstel als Seelentröster am Donnerstag. Freunde von mir, zum Beispiel Franz lehnen diese unverständlicherweise nicht nur Donnerstags ab. Gibt es Kulturhistorisches von der Bernerwurst zu berichten?

Liebe Grüße,
Harald Stöffelbauer, per Email

Lieber Harald,

bevor wir uns in Herkunft, Zusammensetzung und Zubereitung verlieren, wollen wir Semantisches klären. Die Bernerwurst tritt niemals als singuläres Grillereignis auf. Wir sprechen daher von den Bernerwürstel, der Mehrzahl also. Schweizer, die auf den beliebten österreichischen Hüttenkostklassiker angesprochen werden, schütteln verwundert den Kopf. Nie gehört, nie gegessen. Stammen die fetten Magenversiegler doch nicht aus Bern, nicht aus der Schweiz, ja nicht einmal aus alemannischen Landen, sondern aus Zell am See im Herzen Salzburgs. Nach gängiger Mythologie wurde der kalorienreiche Speisekartenhit nach ihrem Erfinder benannt. Der Hotelgastronom Erich Berner senior soll die beliebten Würstel in den 1950er-Jahren als schnell zuzubereitende Wegzehrung für die Sänger der Zeller Liedertafel ersonnen haben. Der größte Männerchor Salzburgs stärkte sich nach der allwöchentlichen Probe in Berners Tiroler Weinstüberl in Zell am See.

Das Berner Wurstbrät besteht, anders als das der nah verwandten Frankfurter aus Schweine- und Rindfleisch. Als Füllung dient Emmentaler Käse, der beim Erhitzen aus der Längsfurche tritt und knusprig anschmilzt. Zusammengehalten werden die Bernerwürstel von einer Wickelung aus Hamburgerspeck. In der Regel werden die „Berner“ gegrillt oder in der Pfanne bei mittlerer Hitze angebraten, bis der Speck knusprig und der Käse geschmolzen ist.

Als gäbe es noch nicht genügend Verwirrung über Name und  Herkunftsvermutung der Kalorienbomben, zirkulieren längst vegane Versionen aus Erbsenprotein, Wasser, Rapsöl und Verdickungsmitteln, umwickelt mit veganem Bacon, gefüllt mit einer Käse-Alternative auf Kokosfett- und Stärkebasis.

Ob die „Blanne Jang“, eine um das Jahr 2000 erstmals verkaufte Luxemburger Variante Inspiration in österreichischen Hütten erfuhr, gilt es noch zu klären.

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