Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 25/2026 vom 17. Juni 2026
Liebe Frau Andrea,
in der Zeit der Perchten und Krampusse fiel mir der Guggawaunzl ein. In meiner frühen Kindheit bewohnte er Räume im benachbarten Bauernhof. Räume die ich – weil gefährlich – nicht betreten sollte Keller, Tenne usw. Falls unfolgsam hätte mich der Guggawaunzl geholt und mitgenommen. Obwohl ich damals schon sehr neugierig und abenteuerlustig war, hat er mich nicht erwischt. Wer ist dieser seltsame Geselle? Ich hab nie wieder etwas von ihm gehört.
Danke für Ihre Hilfe und liebe Grüße aus der Steiermark./em>
Utz Uhl, von meinem iPhone gesendet
Lieber Utz,
mundartliche Bezeichnungen entziehen sich weitgehend einheitlicher Schreibweisen. Lexikalisch sind sie schwer zu fassen und noch schwieriger zu finden. Der Kinderschreck „Guggawaunzl“ treibt sein Unwesen nicht nur in der Steiermark. In den Regionen der Hohen Tauern ist er als „Goggewanzl“ bekannt. Ein Lehrspruch für neugierige Kinder dort lautet: „Schtille, schtille, der Goggewanzl huckt auf der Dille“ Mit „Dille“ ist nicht das Küchenkraut gemeint, sondern die hochdeutsch „Diele“ geschriebenen (Dach)-Bodenbretter. Der Goggewaunzl hockt also still hinter dem Gebälk des Dachbodens. Um Kinder zu holen, die nicht brav sind.
Der Kulturwissenschaftler Kurt Freimüller hat den sehr wahrscheinlichen Ursprung der Figur in einem luziden Privatissimum enthüllt. Demnach geht der Guggawaunzl auf die historische Gestalt des nordböhmischen Priesters Wenzel Hocke (1732–1808) zurück, der als „Hockewanzel“ überregionale Berühmtheit erlangte. Wenzel Hocke war ein sehr beliebter, volkstümlicher Dechant im böhmischen Marien-Wallfahrtsort Oberpolitz, bekannt für seine barsche Kritik am Leitmeritzer Bischof, die schlagfertigen Predigten und sein großes Herz. 1881 brachte der altkatholische Pfarrer Anton Nittel die Anekdoten über den Till Eulenspiegel im Priestergewand als „Geschichten vom Hockewanzel“ heraus. Für die Verbreitung im Österreichischen sorgte der steirische Dichter Peter Rosegger, der in seiner Monatssschrift „Heimgarten“ ( VI, 823) die Episode „Wie der Hockewanzl Erzdechant geworden ist“ publizierte. Nittels Geschichte übertrug er in die obersteirische Mundart. Aus dem Bischofschreck wurde ein Kinderschreck.
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