Wenn der Gramanzer kommt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 04/2026 vom 21. Jänner 2025

Liebe Frau Andrea,
seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag kam mein Haupt-Arbeitgeber unlängst ausgerechnet in den „Seitenblicken“ nach, als unser Bürgermeister Michael Ludwig anlässlich eines wohltätigen Events, bei dem Promis karitativ als Kellnerinnen und Kellner tätig waren, berichtete, er sei bereits in seiner Jugend als Gramanzer tätig gewesen. Dass es sich dabei um eine gastronomische Hilfskraft handelt, die für den wenig trinkgeldträchtigen Dienst des Abräumens der Tische zuständig ist, lässt sich im Internet finden. Nicht aber die Herkunft dieses Begriffs. Sie kennen sie sicher.
Mit Dank im Voraus,
Peter Blau, ORF

Lieber Peter,

wie viele andere Ausdrücke aus dem alten Wien hat der Gramanzer (Gramándsa, Gramántssa) eine lange, grenzüberschreitende Reise hinter sich. Dass der Begriff heute weitgehend unbekannt ist, darf bedauert werden, wenngleich alle Versuche ihn zu bewahren, vergeblich sind. Dem Bürgermeister ist für den empathischen Rettungsversuch zu danken. Wie der „Schani“, der Jean, der um die Tische schasselt, eilfertig und mit federndem Schritt, ist der Gramanzer eine schlecht bezahlte, aber mit Aufstiegshoffnung versehene Hilfskraft im Wirtshaus, im Rang weit unter dem Ober oder Zahlkellner, dem Servier-Fräulein oder dem Speisenbringer. Nur den Abwäschern geht es schlechter. Im Einklang mit seiner Rolle als öffentliche Dienstkraft, musste der Gramanzer Geschicklichkeit mit Eilkraft und einem gastfreundlichen Gschau verbinden. Nicht selten führte dieser Anspruch zu übertriebener Gesichtsgymnastik und einer Gestik, die höfisches Verhalten zu imitieren versuchte.

Woher kommt das Wort Gramanzer oder Kramanzer? Die „Gramasse“, der Gesichtausdruck des meist männlichen Gramanzers ist eine veraltete, mundartliche Form von „Grimasse“. Sie bezeichnete ursprünglich eine absichtlich verzerrte, komische oder hässliche Mimik. Beide Ausdrücke kommen vom französischen „grimace“ und dieses vom altfranzösischen „grimuche“, Fratze, ihrerseits eine Ableitung des altfränkischen, also westgermanischen Wortes „grima“, Maske, verwandt mit unserem „Grimm“ und dem „grimmigen Schauen.“

 

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Berufe und Benennungen

Da werde ich gefragt, in Fragebögen und für Kurzbiographien, welchen Beruf ich denn wohl hätte, und die Antwort fällt schwer, weil ich keinen Beruf habe. Ja, aber Sie müssen doch einen haben, kommt es dann, und sogar in mir schallt es leise, als Reflex auf den gesellschaftlichen Bekenntnisdruck. Sagen Sie etwas. Dann sage ich: Ich denke nach.

Dennoch hier eine Liste. So bin ich, in eigener oder fremder Zuschreibung:

Achilla Douglas
Amelia Natt och Dag
Apollonia Tillbakaseende Ulv
Architekturbewunderin
Art Directrice
Asporina
Atheistin
Ausstatterin
Autorin des Unendlichen Panoramas
Bibliothekarin eines Handapparats
Buchbinderin
Bühnenbildnerin
Comandantina beim Bureau für Information Wiederbeschaffung
Cousine
DJane
Doktorin der Philosophie
Drehbuchautorin
Empirikerin der Vorzukunft
Essayistin
Feuermacherin
Flâneuse
Forscherin zu Riten in Räumen
Freischaffende Sozialdemokratin
Geliebte
Gitarristin
Greenlighterin
Großsekretärin für Inneres
Hermeneutikerin
Hextilda FitzUchtred Tynedale
Information Wiederbeschafferin
Inkompetenzkompensationskompetente
Instrukteurin
Jachin-und-Boasologikerin
Kolumnistin
Komplizin
Kulturwissenschaftlerin
Liebende
L’infiammata
Magistra Artium
Malerin
Maschinenmaria
Maschinistin
Meisterin vom Stuhl
Morgaine Pendragon
Nachdenkerin
Österreichkundlerin
Otrovertierte
Papierblumenmacherin
Past Master
Photographin
Plakatdesignerin
Poetin
Pythia
Realisatrice
Regisseurin
Reisende
Rhizomatische Enzyklopädistin
Romanautorin
Sammlerin
Satirikerin
Scat Guitarist
Scheiternde, Scheiternde, besser Scheiternde
Schülerin
Schwedin
Schwester
Sezierkundige
Sporadikerin
Stachelschützin
Super-Recognizerin
Transzendentalbelletristikerin
Universitätslektorin
Verbündete
Viennologin
Wirkungshistorikerin
Wortvulkan
Zeichnerin
Zirkusprinzessin

 

 

 

 

Namen, die fehlen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 01.02.03/2026 vom 14. Jänner 2025

Liebe Frau Andrea,
am Eisenerzer Friedhof gibt es eine Gedenktafel mit den Namen ermordeter Jüdinnen und Juden. In Lydia Mischkulnigs Kolumne in der Furche wird darauf hingewiesen, dass auf der Tafel immer noch eine große Zahl von Namen Ermordeter fehlt. Welche Bedeutung hat im Judentum die Nennung der Namen der Toten?
Liebe Grüße,
Dr. Peter Daniel, Wien I., per handschriftlicher Serviettennotiz

Carissimo dottore,

Lydia Mischkulnigs Kolumne referiert auf ein Desiderat des Dichters Stephan Eibel, dem die Nennung der Namen der Ermordeten ein vehementes menschliches und politisches Anliegen ist. Der Massenmord an ungarischen Jüdinnen und Juden am obersteirischen Gebirgspass Präbichl gehört zu den sogenannten „Endphasenverbrechen“. In den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945 wurden von den nationalsozialistischen Machthabern zehntausende ungarische Jüdinnen und Juden zur Zwangsarbeit am sogenannten „Ostwall“ gegen die heranrückende Rote Armee gezwungen. Angesichts der Sinnlosigkeit des Unterfangens wurde versucht, diese Menschen auf sogenannten Todesmärschen ins KZ Mauthausen zu „treiben“. Dabei fanden ungezählte Erschießungen statt. Das größte dieser Massaker verübten Angehörige des „Eisenerzer Volkssturms“ am 7. April 1945 in unmittelbarer Nähe der Passhöhe des Präbichls. Dabei wurden über 200 Jüdinnen und Juden ermordet. Um deren vollständige Namensnennung geht es in Eibels, Mischkulnigs und nun auch meinem Anliegen.

Die Nennung der Namen Verstorbener ist für Rabbi Eliezer Zalmanov aus Brooklyn eine Möglichkeit, die Vorfahren zu ehren. Indem Kinder nach ihnen benannt werden, wird ihr Andenken bewahrt. Auch Jaron Engelmayer, Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien erinnert an die Bedeutung der Nennung der Namen der Toten im Judentum. Komme doch im Namen die Seele und Offenbarung eines Menschen zum Ausdruck. Das „Jiskor-Gebet“ gedenke der verstorbenen Verwandten namentlich. Aus einem Vers des Propheten Jesaja leitet das bekannte Institut in Jerusalem zum Andenken an die Opfer der Schoa seinen Namen ab: Yad Vashem.
 

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Neues Jahr – Neue Werkzeuge

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Der Gebrauch von Werkzeugen. Die Ansicht war lange und weit verbreitet, bis die Biologie intelligenten Gebrauch von Hilfsmitteln auch bei diversen Säugetieren, bei Krähen und anderen Vögeln studierten. Stimmt nicht, ich habe zwei linke Hände, entgegnen jetzt Betroffene aus dem Publikum, sie könnten jederzeit den Gegenbeweis erbringen. Auch die Unfallchirurgien landauf landab sprechen dem Menschen, meist dem männlichen, den intelligenten Gebrauch von Werkzeugen ab. Das ist ganz und gar ungerecht, denn die Heerschar der Unbeholfen, österreichisch der „Patscherten“ trägt keine Schuld am falschen Gebrauch von Geräten, Instrumenten und Utensilien. Die Werkzeuge selbst sind es, die fehlerhaft funktionieren. Apparate und Maschinen versagen, nicht der bedienende Mensch! Geschicklichkeit und Behändigkeit werden überbewertet.

Wie in der Computer-Industrie muss auch beim Anwenden von Schraubenziehern, Zangen, Sägen und Hämmern, erst recht in der Bedienung von Bohrmaschinen, Stichsägen und Winkelschleifern vom DAU ausgegangen werden, vom Dümmsten Anzunehmenden User. Dass diesem der DAK, der Dümmste Anzunehmende Konstrukteur, und in allen Fragen der Software der DAP, der Dümmste Anzunehmende Programmierer gegenüberstehen, darf und muss an dieser Stelle in Evidenz gerufen werden. Alle, die je versucht haben, sich für das Verzweiflungsspiel „ID Austria“ anzumelden, Österreichs elektronischem Identitätsnachweis für den digitalen Zugang zu Behörden, werden dem vorbehaltlos zustimmen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 10. Jänner 2026.

Silvester

Der Jahreswechsel naht im Sauseschritt und mit ihm das Runterzählen der Tage, Stunden, Minuten und Sekunden. Sobald das große Krachen und der Raketenregen beginnen, jaulen die Hunde auf und verstecken sich unter den Tischen und Sofas. Die Traumatisierten aus realen Bombennächten halten sich Ohren, Augen und Herzen zu. Der Rest, die große feiernde Mehrheit aber schmeißt sich mit großem und gut geübtem Elan dem Neuen Jahr entgegen, wiegt sich und allfällige Anwesende im Donauwalzer, köpft die Sektflaschen und sprudelt die Glaskelche voll. 2026 wird dann noch unschuldig sein, ohne neue Erlebnisse, schwanger mit den alten. Die Luft in den ersten Minuten des Neuen Jahrs aber wird schon bald sehr würzig riechen, nach bengalischem Schwefelrauch aus Raketen und Funkenspritzern.

Tatsächlich dauert der Einzug des Neuen Jahres ganze 24 Stunden. Seit nunmehr dreissig Jahren beginnt er in der Zeitzone UTC+14, bereits am 31. Dezember elf Uhr unserer Zeit – auf den 33 Korallenatollen Kiribatis. Wer es also den Einwohnern der zentralpazifischen Inselrepublik gleichtun möchte, begeht den Jahreswechsel schon mit einem spätmorgendlichen Palmweinfrühstück. Feinspitze nehmen dazu Palusami zu sich, mit Kokoscreme gebackene Taroblätter, das Nationalgericht von Kiribati. Oder Beachside Fish Fry, marinierten und frittierten Mahi-Mahi, hierzulande als Große Goldmakrele beannt.

Der Klimawandel, fern von Kiribati, hier bei uns erzeugt, wird dem Paradies übrigens bis zum Ende des Jahrhunderts den Untergang bescheren. Zeit für gute Vorsätze also.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 27. Dezember 2025.

Comandantinas Weihnachts-Wünsche 2025

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 52/2025 vom 24. Dezember 2025

Der Advent hat sein müdes Haupt in Alkohol und Endmucke ertränkt. Das Wetter, ein unsympathischer Gefährte, sorgt für Melancholie, die Weltlage dystopiert. Innenpolitisch dominiert Verblödung, außereuropäisch der Trumpismus. Ideale kränkeln, Vorbilder weinen, nur das Böse juchzt. Intelligente und Interessierte idealisieren Institutives. Influencer·innen infizieren, Illuminierte irriteren, Illiberale implodieren. Das Ich irrt indigniert in Innenräumen, der Istzustand inkommodiert. Immerzu. Irgendwie.

Das Licht kommt wieder! Glandula pinealis, die Zirbeldrüse weiß das schon seit drei Tagen und freut sich auf das Kommen des Frühlings. Zeit für Tradition. Seit nunmehr 25 Jahren beantwortet die Comandantina Fragen an dieser Stelle. Eine Ausnahme davon erlaubt sie sich am Ende des Jahres, da fordert sie Uneingelöstes. Auch heuer ergeht eine Liste mit Wünschen an eine würdige Wiener Institution: Das Salzamt!. In seinen dunklen Gängen duftet es nach „Terre d’Hermès“, nach den süßen Schwaden frischoxiderter „Cohibas“, nach Weihrauch, Myrrhe, und den betörenden Speyside-Äthern in Cragganmores Single Malt. Unsere Freunde von der Wunscherfüllung haben sich zur Desiderat-Annahme eingefunden: Tief in den Damenspitz gerutscht der goldgelockte Engel: Das Christkind! Ihm zur Seite der dicke Sugardaddy im roten Wams, Joulupukki, der Weihnachtsmann! In knisternder Höchstlaune der elegante Herr in Possanners nachtblauem three-piece herringbone suit. Genagelt sind die Norweger, eau-de-toilette-betäubt die Schläfen, Konfetti staubt von seinen Schultern. Es ist der Cavaliere Corrado di Molinalibera, auch bekannt als die Jahresendperson.

Hier die Eingabe:

Liebes Christkind, lieber Weihnachtsmann, Carissimo signore di fine anno! Dies wünsche ich mir, wie schon so oft, zum Lichterfest:

1. Die Wiederauferstehung der Zukunft,
2. Die Rehabilitierung von Visionen.
3. Die Solidarität mit Abgehängten und Vulnerablen.
4. Die Umverteilung von Oben nach Unten, und
5. von Dumm nach Gescheit.
6. Die Trennung von Kirche und Staat.
7. Die Separation von Staat und Bosheit.
8. Ein Musikgedudelverbot in Gaststätten und Geschäften.
9. Die Einführung von 24-Stunden-Delis nach New Yorker Vorbild.
10. Die Fortführung des „Unendlichen Panoramas“ in einer Stadtzeitung von Welt.


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Arnulf Rainer +

1985. Seit einem halben Jahr amtierte Erich Wonder als Professor der Meisterschule für Bühnenbild. Sein Lehrer Lois Egg, der auch mich aufgenommen hatte, der mich liebte und förderte, und dessen Assistentin ich seit einigen Jahren war, war in Pension gegangen. Wonder mochte mich nicht, er mochte niemand von Lois Eggs Schülerinnen. Und er wollte uns kein Diplom geben. Entgegen der Zusagen, die er Lois Egg noch vor kurzem gegeben hatte. Niemandem von uns. Mir besonders nicht. Es wäre mein aus gewesen nach vier Jahren Studium. Das sei kein Bühnenbild, maulte er über meine 15 Faust-Bilder. Das sei Illustration. Bei der Diplombegehung des Meisterkollegiums redete er auf die anderen Professoren ein, sie mögen das nicht ernst nehmen, was da zu sehen sei, das sei alles Schund, wertlose Unkunst. Es war Arnulf Rainer, der vor meinen Sachen verträumt stehen blieb. Und widersprach. Das sei doch sehr gut, sagte er, sehr gut. Es war Arnulf Rainer, der mein künstlerisches Leben rettete. Danke, Meister Arnulf, danke Dir!

Schindeln am Dach

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 51/2025 vom 17. Dezember 2025

Liebe Frau Andrea,
letztens habe ich in einem Buch die Redewendung „Schindeln am Dach“ gelesen und war sehr überrascht, da ich das davor nie außerhalb meiner Familie gehört habe. Zu uns wurde das als Kinder immer gesagt, wenn wir in einen Raum kamen, wo die Erwachsenen gerade über Dinge sprachen, die für Kinderohren nicht bestimmt waren. Ich konnte leider nichts zur Herkunft der Redewendung finden. Können Sie mir da weiterhelfen?
Liebe Grüße,
Hannah Diethard, per Email

Liebe Hannah,

die von Ihnen erinnerte Redewendung ist im bairisch-österreichischen Sprachraum gebräuchlich, wenn auch eher im ländlichen, denn urbanen Raum. Sie zirkuliert auch in der Form „es seien Schindeln unterm Dach“. In der Regel sind Kinder gemeint. Die Metapher bezog wohl ursprünglich alle ein, die an einem Gespräch nicht zuhören sollten. Die gängigen Wörterbücher heimischer Ausdrücke und Wortbildungen kennen die Redewendung, liefern aber keine Erklärung. Das wundert nicht, kommt die Metapher doch aus ganz anderem kulturellen Zusammenhang als dem heimisch-bäuerlichen.

Die Freimaurerei, insbesondere die englische, kennt das Amt des Tylers, als jenes, in sämtliche Geheimnisse eingeweihtes Mitglied, das für die Deckung der Loge zu sorgen hat, dass also nichts vom Tempelgeschehen nach draußen dringe. In Zeiten, in denen humanistische Zusammenkünfte als staats- und klassengefährdend kriminalisiert wurden, war Geheimhaltung von essentieller Bedeutung. Wieso aber nannte man den Schutzbefohlenen der Arkana Dachdecker? In masonischen Kreisen zirkuliert dazu die Erklärung, dass die Metapher darauf referiert, dass sich ungebetene Zuhörer aufs Dach legten, eine Schindel (oder mehrere) abhoben, um Einblick in das Geschehen zu erlangen. Der Tyler (Dachdecker) sorgte also dafür, dass sämtliche Schindeln und damit die sogenannte Deckung gewährleistet war, die maurerische Arbeit in Sicherheit ablief.

Von unserer Redewendung stark abzugrenzen ist der Ausdruck „nicht alle Schindeln am Dach zu haben“ was synonym dafür ist, „nicht alle Tassen im Schrank zu haben“. Neuerdings „fährt der Lift“ bei den so Bezeichneten „nicht ganz nach oben“.


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Frohe Weihnachten

Alles dreht sich um die Familie. Die Familie ist das ein und alles. Kein Fest „kann mehr Familie“, als Weihnachten. Besonders familiär geht es an den Punschständen des Landes zu. Einkaufsgestresste, von Betriebsweihnachtsfeiern und Jahresabschlüssen Gehetzte finden Trost und Einkehr an der wärmenden Mutterhütte. Es dampft der Jagatee, es knistern die Maroni, es köchelt die Gulaschsuppe. Nach eineinhalb Bechern rumgetränkter Würzmischung werden die Zufallsbekanntschaften zu Familienmitgliedern. Griassdi, i bin da Franz, seawas, i die Samantha. Gemeinsames Stehen im Lichterkettenschein macht glücklich und müde. Betroffenheit weicht Besoffenheit, der Alltag fällt vor die Füße, schmilzt dahin im salzigen Matsch. Es ist Zeit, die Geschenke zu besorgen, sie heimlich zu verpacken und unheimlich zu verstecken. Um den großen Heiligen Abend anzusteuern, an dem sich alles entlädt, was das Jahr vor sich hergeschoben hat. Mut und Unmut, Freude und Leid. Die Krippe (so es eine gibt) erzählt die ewige Geschichte von der Heiligen Familie. Sie darf und muss im Schoß der Kernfamilie erzählt werden. Als Kulisse für das Märchen von der heilen heiligen Welt dienen der kugelbehängte Lichterbaum (auch wenn die Leuchtkerzen aus China kommen), der Geschenkeberg (auch wenn er klein ist, und nachher die Hälfte umgetauscht wird). Engste Familienmitglieder erzählen einander von früher. Als alles besser war. Vater, Mutter, Kinderschar. Herkunft ist indes nicht alles. Gehören wird doch längst zu anderen Familien. Familie Google, Familie Amazon, Familie Facebook, Familie YouPorn, Familie Netflix.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 13. Dezember 2025.

Die Pumpernella

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 50/2025 vom 10. Dezember 2025

Liebe Frau Andrea,
meine in Oberösterreich geborene Mutter erzählte mir unlängst, dass keine der Damen aus ihrem Englischkurs das Wort Pumpernella als Bezeichnung einer nicht gerade erotischen – eventuell sogar langen – Unterhose gekannt hätte. Eine kurze Umfrage meinerseits in der Hochsteiermark ergab, dass sich gerade einmal einer an den lange zurückliegenden Gebrauch durch Wiener Feriengäste erinnerte. Woher kommt dieser schöne Ausdruck denn?
Liebe Grüße,
Beate Mayer, per Email

Liebe Beate,

die praktischen, aber weitgehend unerotischen Dessous sind dem Publikum älterer Semesterkohorten auch als Liebestöter bekannt. In der Regel wurden die ballonartigen, oft bis ans Knie reichenden Hosen nicht aus Gründen der Sexualattraktion angezogen. Frühere Zeiten sahen das übrigens anders, wie zahlreiche erotische Darstellungen beweisen. Im Englischen wird die besagte Hose als Bloomers bezeichnet. Das Mehrzahlwort reflektiert die Tatsache, dass Hosen immer als Paar bezeichnet verstanden wurden.

Die Etymologie der Pumpernelle (Wienerisch Bumpanölla) ist noch nicht hinreichend geklärt. Mit einiger Wahrscheinlichkeit haben sich Wörtlichkeiten vermischt, die das Thema tabureich umzukreisen. Die Botanik kennt den Kleinen Wiesenknopf (Sanguisorba minor), eine Pflanzenart aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Die Bauchigkeit seiner Blütenstände erinnert an jene der besagten Hosen. Diese Blume wird Pimpinelle oder Pimpernell genannt. Das „u“ kam wohl in die Pumpernelle, weil das Wienerische und seine provinziellen Ableger mit der bauchigen Hose das lautmalerische Pumpern (oder Bumpan) verband, das Geräusch undezent abgehender Winde. Anbumpan bedeutet in Wien überdies soviel wie anklopfen. Die glockenartge Form kennen die Wiener·innen auch von der Pummerin, der legendären Riesenglocke im
Nordturm des Wiener Stephansdoms.

Die winters wärmende, dicke Flanellhose, stets unter bauschigen Röcken getragen, ist mit dem Modeeinzug enger Jeans fast verschwunden. Manche kennen sie auch unter dem Namen Pumpinger. Ein Schelm, der dabei Assoziationen erfährt.


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Weisat und Wäschpaket

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 49/2025 vom 3. Dezember 2025

Liebe Frau Andrea,
eine liebe Nachbarin im Salzkammergut weiht mich Zugezogene laufend in oberösterreichische Mundart ein. Letztens beim Kaffee hat sie zur Einkaufsliste dazu geschrieben: Waiset kaufen. Meine ratlosen Blicke haben sie erklären lassen, dass ein Kind geboren wurde und es Brauch ist ein „Waiset“ zu bringen. Kinderlos kenne ich mich mit Brauchtum bei Neugeborenen nicht wirklich aus. Gibt es ein österreichisches Brauchtum bei Geburten? Hat ein „Waise“’ mit Waisenkinder zu tun? Haben Sie eine Erklärung dazu?
Ganz liebe Grüße aus Ohlsdorf,
Helga Komposch, per Email

Liebe Helga,

das Weisat oder Weisert ist ein Geschenk bei besonderen Anlässen. Das Wort hat sich in der heutigen Schriftsprache nicht erhalten. Es kommt vom althochdeutschen wisod, abgeleitet vom Zeitwort wison (weisen), soviel wie besuchen (und dabei ein Geschenk machen). Nach anderer Deutung soll es vom lateinischen „visitare“ (besuchen) kommen. Im Mittelalter war das wisat, wisot, wisoede ein freiwilliges Feiertags-Geschenk für Kirche oder Grundherrn – zu Ostern Eier, zu Pfingsten und Weihnachten Käse. Ab dem 19. Jahrhundert entwickelte sich das Wisat, Weisat vor allem in Süddeutschland und Österreich zum Brauch für Pat·innen, Müttern und ihrem Neugeborenen in den ersten Tagen nach der Geburt stärkende Speisen mitzubringen. Huhn für eine kräftige Suppe, Eier, Brot, Kaffee, Zucker, Wein. Sublim schwingt dabei die biblische Weihnachtserzählung mit, in der die drei Weisen aus dem Morgenland Geschenke für das neugeborene Jesuskind mitbringen, Gold, Weihrauch und Myrrhe. So schön es auch wäre, die Weisen aus den Evangelien haben keinen sprachlichen Einfluss auf die Bezeichnung Weisat genommen.

Wiener Mütter erinnern sich an das legendäre Wäsch(e)paket, 1927 vom sozialdemokratischen Gesundheitsstadtrat Julius Tandler als kostenlose „Erstausstattung“ für Neugeborene eingeführt. Es wurde 1934 von den Austrofaschisten abgeschafft und erst nach dem Krieg wieder etabliert. Heute überreicht die Stadt Wien bei Vorlage des Eltern-Kind-Passes die weisatartige Säuglingsausstattung in Form eines Wickelrucksacks für werdende oder junge Eltern.


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Advent

Als ich ein Kind war, im Nonneninternat der Schulschwestern verdingt, war alles katholisch. Die Gespräche, deren Inhalte, die Geschichten, die von Bestrafung, Sünden, Vergebung und Heil handelten. Sogar das Denken war unter Beobachtung gestellt. Sobald die Nächte länger wurden, die Welt dunkler, tat sich Hoffnung auf. Weihnachten! Der Geschenkeflug des Christkinds. Advent hieß die Zeit, in der wir eingestimmt wurden auf das edle Weihnachtsfest. Advent, erklärten die Schwestern, sei lateinisch und bedeute Ankunft. Und die einzige Ankunft, die es für sie gäbe, fände nicht am Bahnhof statt, sondern in den Herzen der Guten, sei die Ankunft des Herrn. Damit wir eine Vorstellung von der Länge des Wartens auf den Ankömmling hatten, ein vorfreudiges Hinsehnen, hatten sie einen riesigen Adventkranz aufgehängt. Über der Treppe des Eingangs. Alle Tannen Wiens hatte man aufgeboten, um ihn zu flechten, hieß es. Aus dem Wachs aller Bienen des Landes hatte man Kerzen gezogen. Kurz, nichts war schöner, edler, kostbarer, katholischer als der Weihnachtskranz in meiner Volksschule. Seine Lichter wurden von Engelshand entzündet. Nie sah ich sie brennen, denn Sonntags waren wir nicht in der Schule. Aber die angebrannten Dochte sahen wir, Beweis für das Fortschreiten der Ankunft! Nichts war katholischer als dieser enorme Adventkranz mit seinen drei roten Kerzen und der einen rosafarbenen.

Erst viel später sollte ich erfahren, dass der Adventkranz eine Erfindung war. 1839 in die Welt gebracht. Von einem evangelisch-lutherischen Theologen im evangelischen Hamburg. Der erste Kranz war übrigens ein Wagenrad.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 29. November 2025.

Darf ich mitreden?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 48/2025 vom 26. November 2025

Liebe Frau Andrea,
in der Bim, im Bus, in der U-Bahn, auf der Straße. Manchmal im Cafè. Im Zug sowieso. Es passiert so oft, dass ich ungewollt Mithörerin fremder Handy-Gespräche werde. Darf ich dem Impuls nachgeben, mitzureden?
Liebe Grüße,
Fiona Elffencamp, Leopoldstadt, per Email

Liebe Fiona,

in der Frage telefonischer Öffentlichkeit gibt es noch keine endgültigen Normen. Der Knigge und andere Benimmratgeber würden Ähnlichkeiten mit Tischgesprächen in Restaurants sehen und empfehlen, die Konversation und seinen Umfang auf die Teilnehmenden an der gemeinsamen Tafel zu beschränken. Mit dem Personal spreche man leise, wenn auch deutlich, mit den Sitznachbar·innen in angenehmer Lautstärke. Toast und Ansprachen gestalte man für alle hörbar. Das wären auch die einzigen Momente, wo die Diskretion in Maßen verletzt werden dürfe.

Öffentliche Telefonie mit Handapparaten zerrt die Benimmregeln ihrer jeweiligen Anwendenden ins Gemeine. Das gefällt nicht allen. Telefonierende aus Balkanländern, österreichischen Fremdenverkehrsgegenden und afrikanischen Nationen tendieren zu Gesprächen in großer Lautstärke. Dem schließen sich Panelteilnehmer·innen, Kommunikationsfuzzis und Immobilienhenrietten an, um es einmal ungegendert und salopp auszudrücken. Wie also verfahren? Comandantina empfiehlt das Mitsprechen in gleicher Lautstärke, notabene wir durch die Eingebundenheit in die Gesprächsverläufe ungewollt zu Mitwisserinnen und Mitfragenden werden. Von da zum Mitsprechen ist es nur ein kleiner, inividueller Schritt. Das Teilnehmen an fremden Lautgesprächen löst innere Konflikte und bringt sie nach außen. Manchmal verstummen die laut Telefonierenden, oft aber mäßigen sie ihre Lautstärke. In Liften und engen Stehungen in Öffis kann das auch anderen, weniger Mutigen unerwartete Hilfe stellen, Unmut dämpfen und Linderung verschaffen.

Die sehr ähnlichen Fälle der Vergesellschaftung von Gerüchen durch mitgebrachte Speisen müssen in einer anderen Kolumne erörtern werden. Vielleicht erwachsen hiezu Fragen aus der Leser·innenschaft!


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Mehr von den Häuten

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 47/2025 vom 19. November 2025

Vor zwei Wochen behandelte diese Kolumne eine Frage von Leser Wilhelm Ockermüller, in der es um den abwertenden Ausdruck „Heita“ für junge und freche Mädchen und Frauen ging. Frau Andrea antwortete im Sinne einer wienerischen Etymologie des Begriffs, wonach eine sprachliche Nähe zu „Haut“ als Begriff für die Prostituierte und eine Verwandtschaft mit „heidln“ für schlafen, beischlafen vorläge. Das war indes nur ein Teil einer Möglichkeit, den Begriff zu deuten. Es erreichten die Comandantina Zuschriften aufmerksamer Leser aus dem Westen des Landes. Leser Peter Koerner führt ins Treffen, dass „Heita“ im Pinzgauerischen einen bedauernswerten Menschen bezeichnet. Leser Hans-Peter Kircher berichtet aus einem Beitrag in der aktuellen Tiroler Jagdzeitung, der für den Begriff des „Häuters“ eine alternative Entstehungsversion anführt. Demnach komme „Häuter, (…) der geläufige Ausdruck des Mitleids von den Bärenhäutern unserer Vorfahren, welche sich gerne auf den Hauten erlegter Bären ausruhten“. Leser Armin Staffler aus Tirol schließlich hat den, stets männlich gebrauchten Ausdruck „armer Heita“ oft gehört, auch in der Kombination „Heitabua“. Vom „Heia gehen“ (zu Bett gehen) könne das wohl nicht kommen. Käme es, wie Leser Kircher meint, vom „Häuter“ (Abdecker)? Oder vom Hüter und dem Hütebub?

Das Bairische, in allen Fragen österreichischer Dialekte eine gute Adresse, kennt den Heiter, Haidda, Häuter als Begriff für das alterschwache, ausgemergelte Pferd, die Schindmähre, die nur mehr zur Verwertung durch den Abdecker taugt (und Knochen für die Leimsieder liefert). Es wäre dann der „ame Heiter“ synonym mit dem armen geschunden, an die Ketten der Knechtschaft Gefesselten.

Noch nicht aus dem Fokus der spezifischen Beschau unseres Begriffs ist die „Haut“ für die arme Frauensperson, kennen es doch ältere Lexika des Kärntnerischen (die sprachlich auch die nahen steirische Gegenden erfassen) als „Scheltwort für Weiber“. Hauta ist dort die Bezeichnung „für den weiblichen Cretin“, Häutar, Häutarin für die blutarme Person. In eine andere, nicht uninteressante Richtung weist der pinzgauerische Ausdruck Heut für die steile Hutweide. Ist der arme Heita vielleicht doch der bettelarme Steilwiesen-Cowboy? Wir forschen weiter.


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Österreichs wirkliche Kronjuwelen

Juwelen! Schon das Wort hat einen stolzen Klang. Einen schweren, wenn auch wohlklingenden Akkord aus Ehrwürdigkeit, glitzerndem Pathos und keckem Verbrechen. Fassadenkatze Cary Grant, emeritierter Juwelendieb steigt im Hitchcockkrimi über die nächtlichen Dächer von Nizza, um einen aktiven Kollegen zu überführen. Als Belohnung winkt das Herz der bestohlenen Grace Kelly, im wirklichen Leben bald wirkliche Prinzessin mit mehr Juwelen, als in allen Filmen zusammen. Weniger spektakulär, wenngleich politisch bedeutend verlief die Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 1918. Der Oberkämmerer der allerhöchsten Majestäten öffnete die Vitrine XIII der Wiener Schatzkammer und entnahm ihr diverse Klunker und Krönchen von zweifelhafter Schönheit aber überbordenem Prunk. Sie sollten dazu dienen, der flüchtenden Familie von Österreichs letztem Monarchen das Exil zu finanzieren. Dass der legendäre, goldgelb funkelnde Florentiner, einer der größten Diamanten der Welt Teil des Ausreisegepäcks war, wird geschmälert durch die Tatsache, dass der riesige Karbontropfen in eine Hutagraffe eingearbeitet war. Man möchte den damaligen Habsburgern heute noch nachrufen: Ein Glitzerkiesel dieses Formats hat nichts in einer Hutnadel zu suchen, nur eine Krone kann sein Leuchten fassen. Im kanadischen Bankschließfach leuchtet nun nichts mehr und den Habsburgern von heute riete man gerne an, sich mit der Republik zu verständigen und die Steine zurückzubringen. Sie kämen ohnedies wieder in Vitrine XIII der Schatzkammer. Die nur einen Zweck hat: Dem Haus Habsburg zu huldigen. Das muss genügen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 15. November 2025.

Der Bart zum Moped

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 46/2025 vom 12. November 2025

Liebe Frau Andrea,
letztens stolperte ich über einen Song von Hubbabubbaklubb aus Norwegen mit dem Titel „Mopedbart“. Gemeint ist mit dem norwegischen Lehnwort offensichtlich das dünne Oberlippengewächs jener jungen Burschen, die als fahrbaren Untersatz ein 50ccm Zweirad ihr Eigen nennen. Ich las, dass man diesen Flaum in Deutschland als Rapperbart und 50ccm-Bart nennt. Aber in Österreich? Mir fehlt hier ein Wort. Wissen Sie Rat?
Ergebenst von der oberen Wieden grüßend,
Franz Ablinger, per Email

Lieber Franz,

Hubbabubbaklubb, ein Happy-Funk-Pop-Kollektiv aus Oslo ist norwegenweit für seine ausufernden DJ-Sets und experimentellen Musik-Performances bekannt. Ihre Debüt-Single „Mopedbart“, eine Hymne auf Fahrtwind und Freiheit katapultierte 2013 ihre Beliebt- und Bekanntheit bis in unsere Aufmerksamkeitsräume. Das Wort „Mopedbart“ ist ein norwegisches Synonym für den 16jährigen mit Erlaubnis zur Pilotierung eines 50cm2-Zweitakters. Aus dem Deutschen ist das Wort nicht ausgebüxt, bezeichnet norwegisch „bart“ doch den Oberlippenbart (skjegg ist der Bart als Oberbegriff). Ein Lehnwort aus der Nachbarsprache ist dafür „Moped“, die Wortkreuzung aus schwedisch motor (mo) und pedaler (ped). Mopedbart ist damit ein fast genuin norwegisches Wort.

Im Wienerischen heißt der Milch- oder Flaumbart wenig kreativ Schnauzbart oder Schnaudsa. Völlig untergegangen ist die Bezeichnung Radsnboad, Radsiboad, (Raizenbart), für die Oberlippenzierde des griechisch-orthodoxen serbischen Volksstammes der südostungarischen Raizen. Im Deutschen zirkulieren, je nach Ausdehnung die wenig schmeichelhaften Bezeichnungen Bröselbesen, Hippielippe, Krillfilter, Mundgardine, Muschiputzer, Oliba, Rotzbremse, Schenkelbesen, Schnutenbart und Suppensieb. Angloamerika kennt neuerdings die Mode des Dirtbag Moustache oder Trash Stache. Im Rahmen von Kleinstverschiebungen von Gendergrenzen hatte der Fingerstache (finger moustache tattoo) bei jungen Frauen Konjunktur, eine Tätowierung, die an der, dem Mittelfinger zugewandten Seite des Zeigefingers gestochen wurde und zur überraschenden Auflockerung von Gesprächen über die Oberlippe gelegt wurde.


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Vom Heidln und von den Häuten

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 45/2025 vom 5. November 2025

Liebe Frau Andrea,
vor ein paar Tagen hörte ich einen Ausdruck, den ich zuletzt in meiner Jugend hörte, und die ist schon lange her. Von zwei älteren Damen schnappte ich diese Worte auf: „soiche Heita“. Es war niemand in der Nähe deshalb weiß ich auch nicht worauf sich diese Worte bezogen. In meiner Jugend war das ein abwertender Ausdruck für junge/freche Mädchen/Frauen. Woher kommt das „Heita“? Von Haut/Häuten oder von heiter (fröhlich)?
Mit freundlichen Grüßen,
Wilhelm Ockermüller, per Email

Lieber Wilhelm,

ich darf Sie in Ihrer Erinnerung bestärken, dass sich das Gehörte auf selbstbestimmte junge Frauen und Mädchen bezieht. „Soiche Heita“ (solche Häute, in der wienerischen Mehrzahlform: Häuter) dürfen wir richtigerweise als „Heida“ transkribieren. Das Wienerische, und hier insbesonders seine benennungsreiche gaunersprachliche Variante kennt neben Baa (Bein, Mehrzahl Baana, Beine) den Ausdruck Haud (Haut), oft auch sein Diminuitiv Heidl (Häutchen) für die Arbeiterin am Felde der käuflichen Liebe. Die Myriade an anderen, meist entwürdigenden Bezeichnungen für Frauen und Mädchen wollen in der heutigen Beantwortung unbeachtet bleiben. Trotz der patriarchalen Umstände, in denen die Begriffe Haud, Heidl, Heidln, Heida zirkulierten, ist nicht an das geschlechtsspezifische Hymen oder Jungfernhäutchen zu denken, und auch nicht an die Haut als sensitives Organ und Körperoberfläche, sondern an ein spezifisch wienerisch-österreichisches Verb, das „heidln“, soviel wie schlafen. Oftmals wird es in die Kindersprache gestellt, wo „Heia“ das Bett und den Schlaf bezeichnen, und das in dem Wiegen- und Einschlaflied „Heidschi Bumbeidschi Bumbum“ berühmt wurde. Gehen doch zärtliche Wiener·innen mit Schlaf- und Ruhebedürfnis „heidi“ oder „heidschi“ machen. Dass vor dem Einschlafen das Beischlafen erfolgt, zumindest in Fällen partnerschaftlicher Möglichkeiten, ist indes kein Wiener Spezifikum. Woher aber kommt die „Heia“? Ihr Wortursprung ist noch nicht hinreichend verstanden. Aus dem Dunkel unserer Sprachgeschichte leuchtet entfernt die indoeuropäisch erschlossene Silbe *kei-, ‘soviel wie liegen, schlafen. Gelte es noch, das „Bumbum“ aus dem Wiegenlied zu deuten.


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Novembermischung

Der Nebelmonat zieht mit drei ungleichen Feiertagen in den Jahresendspurt. Erst stürmt das keltisch-amerikanische Verkleidungsfest Halloween durch Kassenregale und Schulklassen – mit Kürbisallerlei und Kostümwirrwarr, dann dämpft uns die bedrohlich-vertraute Düsternis der Friedhöfe. Allerheiligen und Allerseelen sind die vorletzten Großkampftage der Blumenhändler (die letzten sind den Adventskränzen und Mistelzweigen vorbehalten!)

Die Bäume werfen ihr leuchtendes Laub ab, farbbegeisterte zücken Skizzenhefte und Buntstifte (oder das postingbereite Handy), aber allzugerne möchte man es den Platanen, Ahornen und Buchen gleichtun und Schlechterlebtes, Bedrückendes, Verwelktes abstoßen. Der Preis, den wir für dieses Unvermögen bezahlen, ist wertvoll und heißt Erfahrung. Melancholische Begabungen kehren in die Sicherheit der Innenschau zurück, sortieren Erinnerungen und Hoffnungen, Frohnaturen sammeln sich in der Geselligkeit.

Mit einiger Berechtigung darf der November als Zeit der Verwirklichung gelten, niemand stiehlt unerlaubt Energie, keine Weihnachtsfeier wimmert nach Aufmerksamkeit, der Jahresabschluss droht erst später. Die Wirtshäuser braten Martinigansln und dämpfen zungenfärbendes Rotkraut. Die Freund·innen des Stadtspaziergangs wärmen Hände und Geschmacksknospen an heißen Esskastanien vom Maronibrater, und salzig-knirschenden Erdäpfelscheiben. Verwegene suchen schon die ersten Glühweinstände auf, um sich ins Vergessen zu stürzen. Faschingsbeginn ist ausserdem, von findigen Kalenderartisten auf den 11.11. 11 Uhr 11 gelegt. Sekundenzähler fiebern der fünften elf entgegen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 1. November 2025.

Wie geht’s?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 44/2025 vom 29. Oktober 2025

Liebe Frau Andrea,
auf der Spazierrunde für meinen Podcast „AgehWIRKLICH“ im Gespräch mit Ihnen kam eine Frage auf: Warum fragen wir einander „Wie geht es Dir?“ und nicht „Wie sitzt es Dir?“. Wie und warum hängt das mit dem Wort „gehen“ zusammen, und hat es etymologisch/generisch überhaupt etwas mit „gehen“ als Bezeichnung der menschlichen Grundfortbewegungsart zu tun? Ich bitte um Aufklärung und freue mich auf Ihre Antwort!
Beste Grüße,
Lisa Sophie Steiner, per Email

Liebe Lisa Sophie,

Spitalserfahrene kennen die paternalistische Frage: „Na, wie geht’s uns denn heute?“ Gestellt wird sie in aller Regel von Primarien und Oberärzt·innen im Beisein der klinischen Entourage. Größer könnte der Gegensatz zwischen liegenden Patient·innen und der hochmobilen Morgenvisite nicht sein. Und dennoch steckt in der Floskel die Hoffnung auf körperliches, nicht selten auch seelisches Wohlergehen. „Es geht“, antwortetet dann der eine, die andere, im Falle fortschreitender Genesung mit „Es geht schon besser“. Auch in der lapidar-distanziert entbotenen Alltagsfrage „Wie geht’s?“ steckt die unverhohlene Glücksaussicht, der, die Befragte sei bestens auf den Beinen, wiesle geradezu leichten Fusses durch die Gegend, das Schaffen, die Besorgung, den Problemäther.

Das Gehen hat sich (zumindest im Deutschen) in einer Vielzahl von Wendungen sedimentiert. Ab dem vierzigsten Geburtstag gehen wir auf die Fünfzig zu, Schulden gehen in die Milliarden, weil Manipulationen daneben gingen. Vorher gingen die Dinge drunter und drüber, verbunden mit der trügerischen Forderung, dies und das „müsse gehen“. Selten gehen Sachen klar, meist von statten und oft verloren, manchmal und schließlich auch kaputt. Im Komplikationsfall fragen Zweifelnde, ob sie recht gingen in der Annahme, Planende gehen schwanger mit einer Idee, Abziehende gehen von dannen, Flatulente lassen einen gehen. Eine geradezu groteske Wörtlichkeit beschreibt den Zustand innerer oder äußerer Verwahrlosung –  das Sichgehenlassen. Wir schließen mit einem luziden Wiener Witz. „Wie geht’s?“ fragt der Schasaugerte den Hatscherten. „Siechst eh!“.


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Es gibt noch soviel Gutes zu schreiben – Peter Gnaiger in den SN über Andrea Maria Dusl

pdf –> 2025 Gnaiger: Andrea Maria Dusl – Es gibt noch so viel Gutes zu schreiben – SN 25. Okt. 2025.pdf

Schwammerls Name

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 43/2025 vom 22. Oktober 2025

Liebe Frau Andrea,
der Herbst ist da, und damit auch die Pilze. Besonders wohlschmeckend sind die Eierschwammerl, die (zumindest) bei uns im Burgenland auch „Rehling“ genannt werden und in Deutschland unter Pfifferling bekannt sind. Uns würde interessieren woher das Wort „Rehling“ kommt, und auch, warum gerade dieser Pilz so viele verschiedene Namen hat.
Liebe Grüße,
Marc Schuh und Eva Gsertz, per Email

Liebe Eva, lieber Marc,

Cantharellus cibarius, der Echte Pfifferling ist den meisten Österreicher·innen als Eierschwammerl bekannt. Die lateinische Bezeichnung (und damit die in vielen romanischen Sprachen) ist die Verkleinerungsform zu „cantharus“, dem urprünglich griechischen „kántharos“, Becher, und nimmt Bezug auf die Form des Fruchtkörpers, das, was wir gemeinhin als Hütchen bezeichnen. Alleine im deutschen Sprachraum zirkulieren dutzende verschiedene Bezeichnungen für den beliebten und häufig zu findenden Speisepilz. Die Gründe für diese Vielfalt sind noch nicht hinreichend erforscht. Auf die Farbe nehmen die Namen Dotterpilz, Eierleistling, Eierpilz, und wie schon erwähnt Eierschwamm, Eierschwammerl, und das schweizerische Eierschwämmli Bezug, sodann Gelchen, Gähling, Gehling, Gelbchen, Göbn, Gelberle, Gelbhänel, Gelbling, Gelbschwammerl, Gelb- und Goldöhrchen, und Marillenschwamm. Wegen seiner Form (und Farbe) heißt der dottergelbe Pilz Nagerl, Gänschen, Gänsel, Rehfüßchen und Schweinsfüßerl. Auf den angenehm pfeffrigen Geschmack beziehen sich die schon erwähnten Bezeichnungen Pfefferling und Pfifferling, Pfefferpilz und Pfefferschwamm.

Für die von Ihnen bevorzugte Benennung „Rehling“ referieren die Etymologen auf die Beobachtung, nach der an jenen Stellen, wo Eierschwammerl wachsen, häufig Rehe gesichtet werden. Das scheint der Ursprung für die Bezeichnungen Recherl, Reherl, Rilling, Rehling, Röllchen, Rehgaißl, Rehgoaß, und Goasrehling zu sein. Auch ein anderer Waldbewohner wird in der Nähe der gelben Schwammerl gesichtet, was die Bezeichnung Füchsling erzeugt hat. Im Tschechischen gibt es für beide dasselbe Wort, nämlich liška, ebenso im Slowenischen, wo Fuchs und Schwammerl Lisička heißen.


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Die neuen Herbstfarben sind da

Wer „in der Wolle gefärbt“ ist, so das leicht angestaubte Sprichwort, sei „unverfälscht und überzeugungstreu, charakterlich zuverlässig“, neuerdings gar „durch und durch: echt“. Ein strammer Rechter etwa, ein unverbesserlicher Marxist, ein wirklicher Liberaler. Das klingt nach genetischer, zumindest aber nach politischer Disposition, will die Unumkehrbarkeit der persönlichen Prinzipien bezeichnen (und gelegentlich auch desavouieren). Dabei irrt das Sprichwort. „In der Wolle gefärbt“ beschrieb ursprünglich den Vorgang des Färbens der Wolle vor der Weiterverarbeitung zu Garn für den Webstuhl. Wurde die Wolle statt des fertigen Tuchs gefärbt, nahm sie die Farbe besser auf und galt als farbecht. Das Weben farblicher Muster, von Karo, Glencheck, Hahnentritt, oder der schottischen Tartanmuster wäre ohne das vorherige Färben der Wolle nicht möglich. Genausowenig wie die farbliche Opulenz orientalischer Teppiche.

Zurück zum Sprichwort. Wirkliche „Färbung in der Wolle“ würde die Naturfarbe des Vlieses bezeichnen und nur die Schattierungen zwischen Weiß, Grau, Braun und Schwarz umfassen. Der Färbevorgang, der das Sprichwort ursprünglich auslöste ist ein gänzlich künstlicher, selbst wenn er mit vorindustriellen Naturfarbstoffen vorgenommen wurde. Bleiben wir in der Metapher, ist jede ideologisch-politische Färbung immer eine künstlich vorgenommene, wenn auch nachhaltige, jedenfalls keine zufällige.

In den Webstuhl der Gesellschaft eingespannt sind damit auch wollgefärbte Fäden Teil eines komplexen Ganzen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 18. Oktober 2025.

Kramurikunde

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 42/2025 vom 15. Oktober 2025

Liebe Frau Andrea,
gestern stand ich in meinem Keller, umgeben von Kramuri, und war etwas verzweifelt. Wie hier wieder Ordnung reinbringen, fragte ich mich. Woher kam dieser Krimskrams? Und da erinnerte ich mich an jenes charmante Wienerlied der Gebrüder Marx mit eben jenem Namen. Kramuri! Da stecke das Wort Amor drinnen, so die Autoren. Stimmt das? Hat Amor etwas mit dem Krempel in meinem Keller zu tun?
Mit freundlichem Gruß,
Oskar Kotzinger, per Email

Lieber Oskar,

Kramuri, Gramuri, die Ansammlung von brauchbaren und unbrauchbaren Dingen kann viel mit persönlicher Liebe zu tun haben, von Amor, dem pfeilschießenden Liebesgott und dem zugrundeliegenden lateinischen Zeitwort „amare“, lieben, kommt es nicht. Sprachen frühere Generationen von dem oder der Kramuri, zirkuliert das Wort heute meist im Neutrum: Das Kramuri. Manche wollen es von „rumoren“ ableiten, andere sehen in der Endsilbe „uri“ entfernte rumänische Echos. Zwei Wörter sind in Kramuri zusammengeflossen: Der Kram (wie wir ihn auch vom Verkäufer desselben, dem Krämer kennen) bezeichnete ursprünglich die Zeltdecke, die Plane, die Marktbude, unter der die Händler ihre Ware feilboten. Später erweiterte sich die Bedeutung auf das verkaufte Kleinzeug selbst. Das andere Wort in Kramuri ist der schon spezifisch Wienerische „Murer“ oder „Muara“. Dieser soll von „mualn“, „muarn“ (schimpfen) kommen, eine Entlehnung aus dem mittellateinischen „murmurare“ (murmeln, murren, brummen, knistern).

Die dann doch sehr wienerische Liebe zum Unbrauchbaren, Weggelegten, Angesammelten hat eine ganze Reihe von Ausdrücken und Bezeichnungen etabliert. Dínef, von hebräisch „tinūp“ Verschmutzung, und jiddisch „Dinnef“, ist die schlechte Ware. Glumpad (Gelumpe) ist ebenfalls das wertlose Zeug, verwandt mit den Lumpen. Graffe (Geräffel) ist der wertlose Kram, das funktionslose Werkzeug, Grempe (Krempel) das Gerümpel, von italienisch „comprare“, kaufen. Tschintschalweach schließlich ist das Flitterzeug, der Tandelkram, von italienisch „gingillo“ (ausgesprochen dschíndschíllo), soviel wie Nippes, und Weach, Werg, wertloses Zeug. Amors Pfeil triff auch dorthin.


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